„Warum rasierst du dir eigentlich die Beinhaare ab?“ Liebe Tochter, das ist eine der schwereren Fragen an eine Mutter, die sonst vieles nicht so macht wie „die anderen“. Die euch Kindern vorzuleben versucht, dass ihr euch nicht nach dem richten sollt, was andere euch vorgeben, sondern nach dem, was euch euer Herz sagt. Ich könnte antworten mit „weil ich das so schöner finde“, aber ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt. Genau genommen weiß ich nämlich gar nicht mehr, wie meine Beine mit ausgewachsenen Haaren aussehen würden. Obwohl, ich erinnere mich durchaus, als ich ungefähr so alt war wie du, liebe Tochter, so mit sieben oder acht, da fand ich bereits in dem DDR-Ferienlager, in das ich immer fuhr, und in dem sich vermutlich weder Erzieherinnen noch Erzieher die Beine oder die Achseln oder sonstewas rasierten, also da fand ich bereits: Ich hab ganz schön viele Haare an den Beinen. Es war damals wohl nur so eine Feststellung, genau wie deine diesen Sommer, nachdem du anscheinend von anderen Kindern darauf gebracht wurdest: „Mama, im Zeltlager haben welche gesagt, ich hätte ganz schön viele Haare an den Beinen.“ Noch scheint es dir nichts weiter zu bedeuten, aber ich ahne, dass die Haare schon in zwei, drei Jahren ein umfassenderes Thema sein werden. So wie bei der Tochter einer Freundin, elf oder zwölf gerade, die sich jetzt auf jeden Fall auch die Beine rasieren will. „Das machen eben alle.“ Alle Mädchen. Aber warum? Und was macht das mit dir? Mit euch? Mit uns?
Liebe Tochter, deine Kopfhaare sind schon heute nicht strohblond. Deine Körperhaare werden es wohl also auch nicht sein, meine jedenfalls sind recht dunkel. Wie unfair, wirst du vielleicht eines Tages einmal denken, und vielleicht wirst du dann auch mal, wie ich, probieren, sie zu blondieren. Bei mir hat das nicht funktioniert, meine Haut hat es nicht gut weggesteckt. Genauso wenig wie all diese Enthaarungscremes, die Elektroepilierversuche, die Klebewachsstreifen. Rasieren bleibt mein Mittel der Qualwahl. Oder die Pinzette – so manchen freien Nachmittag habe ich schon damit zugebracht, sie einzeln mit einer Pinzette in Wuchsrichtung aus der Haut zu ziehen, das tut dann nämlich fast nicht weh. „Aber das dauert ewig, was du in der Zeit sonst noch alles hättest machen können,..“, würdest du vielleicht antworten, wenn ich dir all dies erzählte, und dann würdest du vielleicht noch ein weiteres Mal nach dem ‚Warum‘ fragen, und ich hätte weiter keine bessere Antwort als „Das machen eben alle“. Entschuldige meine Unzulänglichkeit.
Ich frage mich ja auch Dinge, zum Beispiel, wie es wohl sein wird, wenn das in deinem Umfeld auch alle machen, all deine Freundinnen, Bekannten, du. Werden wir dann Rasieraufklärungsgespräche führen, in denen ich dir am lebenden Beispiel nicht nur die Narben vom Draußentoben als Kind, sondern auch die vielen kleinen Schatten von ehemaligen Schnittwunden zeige und eine sinnvolle Rasiertechnik, damit du dich vielleicht von Anfang an nicht so oft schneidest? Vielleicht wäre es dann gut, dir auch zu erklären, dass enthaarte Beine nicht immer schön und glatt aussehen, sondern von all den guten oder schlechten Behandlungen auch pickelig und wund werden können. Viel lieber aber würde ich dir sagen: Tu’s nicht. Sei, wie du bist. Es wäre nur bei dem unzulänglichen Beispiel, das ich dir biete, allzu unglaubwürdig. Du weißt schließlich schon heute, dass ich nicht ins Schwimmbad gehe ohne kritischen Blick auf meine Körperbehaarung und gegebenenfalls einen dir vermutlich völlig bescheuert erscheinenden Rasierduschgang in der heimischen Badewanne genau vor dem Losgehen. Dir ist schon seit deiner Kleinkindzeit bekannt, dass Frauenbeine pieken, jedenfalls meine, wenn ich die Stoppeln nicht ordnungsgemäß im Griff behalte, und schon als kleines Kind wolltest du sommers deshalb manchmal nicht auf meinen nackten Schenkeln sitzen. Es machte mich traurig, aber dennoch blieb da der Anspruch an die Norm, und es überwog am Ende unfassbarerweise „Das machen eben alle.“ Unbegreiflich, findest du? Entschuldige meine Unzulänglichkeit.
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