Kinder und Computer

Im vorhergehenden Eintrag habe ich die Bedeutung des freien Zugriffs auf Informationen an in der Schule zur Verfügung stehenden Rechnern betont. Um diese Behauptung zu untermauern, erlaube ich mir, hier noch eins nachzulegen und auf eine Studie zu verweisen. Eine Studie, deren Schirmherrin tatsächlich unsere ehemalige Familien- und heutige Arbeitsministerin Ursula von der Leyen war. Hört sich spannend an?Nun, in der Studie LBS-Kinderbarometer Deutschland 2009 wurde tatsächlich unter anderem das Medienverhalten und die Möglichkeiten des Medienzugriffs von Kindern zu Hause analysiert.

„Die Untersuchung ergab, dass Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 9 und 14 Jahren sehr gut mit Medien ausgestattet sind: So war in 45 Prozent aller Familien der befragten Kinder ein Computer vorhanden und 52 Prozent der Familien besaßen einen Internetanschluss. Hingegen besaßen 36 Prozent der Kinder einen eigenen Computer und 45 Prozent der Kinder konnten eine Spielkonsole ihr eigen nennen. Je nach Alter besaßen die Befragten zunehmend eigene Computer. Während in der 4. Klasse schon 25 Prozent der Kinder einen eigenen Computer hatten, besaßen in der 5. Klasse 33 Prozent aller Kinder, in der 6. Klasse 40 Prozent der Kinder und in der 7. Klasse bereits 45 Prozent einen eigenen PC. Außerdem hatten in der 5. Klasse 19 Prozent der Kinder einen eigenen Internetzugang, genauso wie 31 Prozent der Kinder in der 7. Klasse“.

(Quelle: http://www.digitale-chancen.de/content/stories/index.cfm/aus.2/key.2691/secid.11/secid2.33)

Im Umkehrschluss – und darauf wiesen weder die Schirmherrin Zensursula noch meinen Recherchen nach sonst jemand, welcher die Studie zitierte, hin – heißen diese Zahlen aber auch: In 55% aller Familien der befragten Kinder war eben KEIN Computer vorhanden. 64 % der Kinder besaßen erst recht keinen eigenen Computer. In der vierten Klasse hatten 75% der Kinder keinen eigenen Computer, in der 6. Klasse waren es 60% und in der 7. Klasse immer noch 55%. Das heißt: Auch in der 7. Klasse, im Alter von im Durchschnitt 13 Jahren also, sind die Kinder ohne eigenen Rechner zu Hause in der Mehrheit, und im Durchschnitt überwiegen auch immer noch Familien, in denen überhaupt kein Computer vorhanden ist.

Selbst, wenn sich diese Zahlen mit zunehmendem Alter der Kinder und Jugendlichen noch weiter in Richtung Technisierung verschieben sollten, zeigt dies deutlich: In den Familien stehen entsprechende technische Möglichkeiten nicht selbstverständlich zur Verfügung. Mindestens etwa die Hälfte der Familien kann eine entsprechende Ausstattung nicht selbst zur Verfügung stellen. Abhängig von den verfügbaren Ressourcen dürfte das Nicht-Vorhandensein von Computern in den Haushalten in manchen Gebieten noch deutlich krasser sein.

Wenn die Schule allen Kindern freien Zugang zu Bildung gewähren und Kinder beim Erwerb eines selbstbestimmten Umgang mit den sie umgebenden Medien unterstützen will, darf sie nicht einfach komplette Themenfelder mittels Filterstrukturen aus dem Sichtfeld der Kinder entfernen.

Die Nutzung von Filtersoftware wie der aktuell diskutierten, aber ja nicht allen stehenden „Time for Kids“, für die sich eine Schule entscheiden kann oder auch nicht und die durch die Lehrenden zudem angepasst und erweitert werden kann, erscheint insofern schon fragwürdig. Hier bleibt allerdings zumindest aber immer auch noch die

Möglichkeit

zum Dialog zwischen den Erwachsenen und den Kindern bestehen, sodass in einer offenen, auf die Kinder ausgerichteten Schule auch Möglichkeiten zur gemeinschaftlichen Lösungsfindung und zum gezielten Doch-Wieder-Freischalten bestehen sollten. Sodass freie Information und möglichst angeglichene Bildungschancen zumindest innerhalb der Schule in diesem Punkt gewährt werden können – unabhängig von den technischen Begebenheiten im Elternhaus.

Wenn allerdings erst einmal die Novelle des Jugendmedienschutzstaatsvertrags tatsächlich in Kraft getreten ist, hilft das alles nicht mehr: Die Institutionalisierung von Filtermechanismen mittels zwingender, völlig sinnloser Alterskategorisierung von Internetseiten durch den Jugendmedienschutzstaatsvertrag, wird vermutlich zu einem „Kindernet“ führen, in welchem sich nur noch angeblich „harmlose“ Seiten wie an Kindern orientierte angebliche Spielseiten mit gegebenenfalls kindzentrierter Werbung befinden, aber keine Nachrichtenseiten, Blogs, Informationsportale oder Microbloggingdienste.

Was zu befürchten war.