Generation Porno

Ich glaube, ich bin alt. Oder spießig. Oder verklemmt. Oder weltfremd. Oder alles zusammen. Jedenfalls fühlte ich mich heute so, als ich einige Stationen mit der Straßenbahn fuhr. Voll war’s, das ist es ja meistens, und das war auch nicht das Thema. Zeitunglesen kann ich normalerweise auch in beengten Verhältnissen. Aber eine gewisse Konzentrationsfähigkeit braucht es dazu – und die wurde heute arg eingeschränkt: Es war nämlich Schulschlusszeit, und so fuhr ein Grüppchen eigentlich ganz normaler, etwa (höchstens..) 13-14jähriger Halbwüchsiger mit, ungefähr fünf Stück. Offensichtlich waren sie gut miteinander befreundet und ich glaube, sie versuchten, sich miteinander zu unterhalten.„Ey du Schlampe, hastu schon von Lisa gehört?“
„Was, die ist doch voll tot.“ Die, die den ersten Satz gesagt hat, nickt antwortend und wirft ihrer Freundin zusätzlich zustimmende Blicke zu; reden geht nicht, sie hat gerade die Zunge ihres Freundes zwischen den Brackets.
Einer der anderen dazugehörigen Typen, ziemlich lang und dürr, berichtet, dass er heute wohl kein Geld für was zu essen einstecken habe. Der vorher Knutschende lästert: „Alter, man sieht es, hastu Konzentrationslager-Erfahrung“ und steckt seiner Bracket-Blondie die Zunge wieder in den Rachen. Schmatzen. Doch kein Schweigen, denn schon ruft die, die von der „toten“ Freundin sprach, nach einem Blick über die linke Schulter der schlabbernden Freundin zu: „Ey Elli, da draußen läuft dein Sexfreund, oder?“ Alle schauen kurz desinteressiert einem Typen hinterher, dann ist Abschlecken wieder spannender. Aus einem Handy klirren metallische Töne. Sie reden irgendwas von irgendeiner Party irgendwo mit irgendwelchen (vermutlich) Alkopops und wer davon wann die meisten hatte, so richtig verstehe ich es trotz unüberhörbaren Geräuschpegels nicht. Aber eine Sorte mit Tequila war wohl „pornopink“, davon hat der KZ-Typ selber drei ausgetrunken. Die Straßenbahn ist kurz vor der Station. „Ey kuck mal, was will denn die Dreckhure hier? Geil, hab ich ewig nicht gefickt!“ Die Hure steigt ein, ein ebenfalls etwa 13jähriges Mädchen mit blauem Scout-Rucksack, an dem ungefähr 30 Kuscheltierchen neben vermutlich sehr coolen Ansteckern mit dämlichen Sex-Sprüchen hängen. Hände abklatschen, Bussis von links und rechts quer über die Fahrgäste hinweg. „Scheiße, was machstu denn hier, hastu heute Schule zu Ende?“ „Hmm“. Elli und ihre Freundin mischen sich ein, irgendwas mit einer Party am Wochenende, vor lauter „Porno“, „ficken“, „lecken“, „blasen“ und ähnlichem ist mein Hörverständnis etwas irritiert. Die „Dreckhure“ wird übrigens von den anderen in ihrer eigenen Gegenwart doch mit Vornamen genannt, aber das muss nichts bedeuten.

Ich bin dann ausgestiegen. Habe Sohnemann aus seiner Schule, wo er eine Probewoche absolvierte, abgeholt. „Mama, weißt Du, was das Beste ist? Wenn man ein Schulkind ist, kann man so viel Kacke, Pisse und Scheiße sagen, wie man will!“ Äääähm ja – ich glaube, wir lassen ihn die nächsten fünf bis zehn Jahre doch lieber noch im Kinderladen…

1 Gedanke zu „Generation Porno“

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