Fahnenmeer

In dem Land, in welchem ich aufwuchs, hatten die Balkone an der großen, breiten Paradestraße, an welcher unser modernes Hochhaus stand, vorinstallierte Fahnenhalter. Das waren kurze Rohre, in die die Familien, die dort wohnten, zu entsprechenden Anlässen Winkelemente stecken sollten. In Kindergärten und Schulen wurde dazu aufgerufen, die Republik zu schmücken, und ich wollte das auch. Unser Fahnenhalter war aber kaputt, schade. So gab es für mich keine Fahne am Tag der Republik, aber auch keinen Ärger für meine Eltern, falls in der Schule jemand gefragt haben sollte, warum denn bei uns keine Fahne am Balkon wehe.

Heute, da sogar hier in Pankow an der Prenzlberggrenze aus Fußballanlass aus unendlich vielen Fenstern angeblich ach so unpolitisch motivierte Fahnen wehen, ohne Hammer und Sichel diesmal, frage ich mich, ob wohl in Lichtenberg, Am Tierpark 7 in der 8. Etage, noch der Fahnenhalter an der Brüstung verschraubt ist. Und ob jemand sich die Mühe gemacht hat, den Korken, den Papa dort hineinstopfte und obendrüber weiß lackierte, zu ziehen, um im Fußballwahn mitwalzen zu können. Oder ob stattdessen vielleicht jemand auch heute ganz froh ist, allen neuen Moden trotzend ein ganz einfaches Argument zu haben gegen das Fahnenaufhängen.