Oh man, heute ist mal wieder so ein Tag. Im Online-Tagesspiegel erscheint zur gestrigen Illner-Rundfunkbeitrags-Talksendung dieser Artikel von Jost Müller-Neuhof mit der Überschrift „Debatte um Rundfunkbeitrag: Der Neger und das Dschungelcamp“. Im Text heißt es einleitend:
Die Gebühr ist der Neger des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, ein unzeitgemäßer Name für allseits Akzeptiertes.
Ich fand diese Formulierung äußerst plakativ-unpassend und brachte dies in einem Tweet an die tagesspiegel-Twitter-Redaktion zum Ausdruck:
@tagesspiegel_de Ist der „Neger“-Ausspruch ein Zitat aus der Sendung? Dann bitte entsprechend kennzeichnen! Sonst – WAS SOLL DAS?!
Daraufhin erhielt ich folgende Antwort:
@manubloggt Anspielung auf @zeitonline „Unsere liebsten Kinderbücher werden politisch korrekt umgeschrieben“: ow.ly/gVbz3
(Offenbar wurde daraufhin zumindest im Artikel selbst im betreffenden Satz diese Verlinkung zur aktuellen Ausgabe der Zeit eingebaut, war anfangs noch nicht da).
Ich habe die Sendung, wenn auch nur anteilig, gestern Abend gesehen. Der Zusammenhang zu genanntem Artikel erschließt sich mir, jedenfalls angesichts der weiteren Inhalte des TSP-Artikels, in der Form nicht: Ja, die GEZ-Gebühr wurde verändert; ja, wir haben derzeit im Land eine Debatte darüber, inwieweit Kinderbücher sprachlich angepasst und/oder mit Anmerkungen zu heute problematischen Begriffen versehen werden sollten. Ja, nach Diskussionen in den letzten Jahren (das Thema kommt ja wellenartig..) oder auch vor Weihnachten anlässlich eines Kristina-Schröder-Interviews gibt es nun seit rund 2 Wochen dazu eine neuerliche Diskussion, z.B. zu den – vom alten Preußler selbst(!) nach langem Überlegen akzeptierten(!) – Änderungen in der Kleinen Hexe (siehe z.B. taz, spiegel, FAZ oder, zur N*-Debatte schnell noch als Aktualisierung hinzugefügt, dieser Mädchenmannschaftartikel von heute).
Aber über den Ansatz der „Veränderung“ hinaus sehe ich keine sinnvollen Überschneidungen zwischen dem Artikel und dem Zeit-Dossier, sondern lese im Tagesspiegelsatz nur einen platte, unreflektierte, stereotyphafte Provokation. Wer unbedingt einen Sinn lesen will, könnte Müller-Neuhofs Aussage sogar so interpretieren, dass es auch bei Büchern „nur“ um Wortänderung „für allseits Akzeptiertes“ – und damit für Rassismen – ginge. (Habe ich auch auf Twitter schon so geschrieben). Zur Erläuterung: Zu den sprachlichen Veränderungen und Fußnoten in den Pippi-Langstrumpf-Texten, für welche der Oetinger-Verlag bereits vor Jahren eine aktualisierte Version herausgab, gibt es vielfach Diskussionen – zum Beispiel, ob in der Darstellung des durch die Welt reisenden Vaters von Pippi, der „einfach so“ König einer Südseeinsel werden und dort herrschen kann, nicht auch bereits Stereotype „selbstverständlicher“ Kolonialisierung etc. mitschwingen, und ob diese nicht ggf. zumindest in Anmerkungen auch aufgedeckt werden müssten (Beispiele: genannter Sprachlog-Artikel, etwa mittig; nochmal Astefanowitsch hier; oder dieses pdf zur Frage von kolonialer Konstruktion von Schwarzsein bei Pippi Langstrumpf von Prof. Dr. Maureen Maisha Eggers, FH Magdeburg, um nur einige Beispiele zu geben)
Diese Vielschichtigkeit war dem Autor mit seiner dämlichen Zusammenhangskonstruktion vermutlich überhaupt nicht klar. Das ist jedoch genauso wenig eine Entschuldigung für so eine klickheischende Formulierung wie ein kneipenseitig gern eingeworfenes „Man wird ja wohl noch sagen dürfen“. Mich hat dies wirklich enttäuscht. Tja, Tagesspiegel.