Vorurteile

Eben gönnte ich mir eine sonnenbeschienene Mittagspause bei meinem Lieblings-Vietnamesisch-Snack-Restaurant in der Schönhauser Allee. Blinzelte von den auf dem Gehweg aufgestellten Holzklappmöbeln aus in die Sonne, knabberte an meinen Nem-Röllchen und wurde Zeugin einer gar wunderbaren Szene: Ein Pärchen, geschätzt etwas über Fünfzig, dem Dialekt nach offenkundig nicht aus Berlin, sondern irgendwo aus dem rheinischen Raum her (ich bin ja ein bisschen schlecht im Dialekte zuordnen), nimmt am Nachbartisch Platz. Legt Berlin-Faltplan und Reiseführer auf den Tisch, beide lächeln entspannt, strecken die Flanierbeine aus. Bekommen sogleich von der netten Bedienung (ich glaube gar, es ist die Betreiberin) die Karte gereicht, ordern schon einmal Getränke. Er vertieft sich sogleich direkt in die Menüangebote, sie jedoch schaut vielmehr gedankenverloren die Straße hinunter.

Buntes Treiben, viele Leute, auch viele mit Kinderwagen, -tragen, -fahrradsitzen. Eigentlich alles wie immer. Dennoch scheint sie irgendetwas Besonderes zu entdecken, dreht manchmal sogar vorsichtig den Kopf, um Leuten noch hinterherzublicken.
Die Bestellung wird aufgenommen. Er wählt aus der Karte, sie schnell vom kürzeren Angebot auf der Tafel, denn zur Karte ist sie ja gar nicht wirklich gekommen. Als die Bedienung weg ist, legt sie ihm vertraut die Hand auf den Unterarm und sagt: „Erstaunlich. Irgendwie dachte ich, diese Prenzlauer-Berg-Mütter, von denen man immer liest, seien so eher älter und… – kultiviert. Aber die HIER mit Babys vorbeikommen, sind mindestens zu sechzig Prozent tätowiert bis unters Kinn und tragen Leopardenleggings und so..“

Ja, so ist das mit den Vorurteilen, Da kann man selbst im Prenzlauer Berg noch überrascht werden.
Kopfschüttel-schmunzelnd ab. Sommer in Berlin.