Ende 1990 mietete mein Vater in Berlin, in der nicht weit vom Ostkreuz entfernten Corinthstraße, einen kleinen Ausbauladen, in dem er einen der ersten Döner-Kebab-Läden Ostberlins eröffnete.Das war schon insofern eine Besonderheit, als dass dieser Laden so ziemlich der einzige in Berlin war, welcher von einem Deutschen inhaberbetrieben eigenständig geführt wurde – durchaus auch zum Amusement der türkischen Fleisch- und Brotlieferanten, die das Projekt hilfsbereit, aber auch kopfschüttelnd begleiteten.
Nun ergab es sich, dass mein Onkel, ein sehr ordentlicher Bauingenieur mit Hang zu sauberen Fingern, sich mit dem Kebap-Essen nicht anfreunden konnte. Stattdessen wünschte er sich ein Essen mit Besteck, auf einem Teller, und mein Vater kreierte daher eigens für ihn eine Kombination aus Dönerfleisch, Pommes Frites und Salatbeilage.
So stand er da, mein Vater, in seinem weißen Kochanzug mit den roten Knöpfen, hinter dem schmalen Vitrinentresen in dem kleinen weiß-rot gestalteten Imbissladen. Mein Onkel saß auf einem der beiden roten Bistro-Metallstühle an dem runden Tischchen, ließ sichs schmecken – und das Gericht war geboren. Nur, wie sollte es genannt werden? Einige Tage später kam die eigentlich naheliegende Idee. „Dönerfleisch auf Teller – Dönerteller!“. Das würde sich auch gut an die Wand schreiben lassen. Und so kam es, dass die Angebotsliste mit Rubbel-Buchstaben um den neu erfundenen Dönerteller ergänzt wurde.
Das Gericht, über dessen Preis mit der Stammkundschaft noch hin- und hergefeilscht wurde, fand rasch guten Absatz. Der täglich vorbeikommende, dem jungen Zoni-Döner-Team wohlgesonnene Fleischlieferant sah die Innovation. Bekam eine Kostprobe. Und erzählte im Weiterfahren den anderen von ihm belieferten Läden davon. Die Idee verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Wenige Monate später gab es den Dönerteller so ziemlich in jedem Dönerladen in Berlin, und bis heute gehört er mit zu den klassischen Berliner Dönerladengerichten.
Erfunden aber, glaubt es oder nicht, wurde er jedenfalls in der Berliner Form in der Corinthstraße. Im Dönerladen meines Papas. Im Frühling 1991.