Durst

In der ersten Reihe, vorne rechts von der Bühne im Grips-Theater, sitzt ein kleiner Junge. Ungefähr sechs Jahre alt. Er ist dabei, vertieft und eingetaucht in die Geschichte von Pauline, Meena und Malik, fiebert mit, ist entsetzt, beeindruckt, erfreut und schockiert, so, wie die Situationen der Geschichte eben verlaufen. Und er ist mutig, bereit, traut sich zu antworten, als die Schauspieler nach einer guten Stunde eindringlichen, schnellen, interaktiven Spielens zum Thema Wasser, Globalisierung und Ausbeutung ins Publikum fragen: „Was können wir tun? Wir, hier?“ Ihm kommt die naheliegende Idee, dass wir, wir hier, Baumwolle, deren Anbau Menschen krank macht und arm lässt, nicht kaufen sollten, sondern solche, die so angebaut wird, dass sie andere nicht krank macht und arm lässt, und er sagt das laut, und viele der Erwachsenen im Raum, auch ich, halten uns beschämt bedeckt. Und dann singt dieser kleine Junge für sich und für seine kleine Welt und für alle am lautesten mit, als das Mitmachstück „Wasser ist kein blaues Gold“ angestimmt wird.Und ich sitze da im Dunkeln, zwischen den von mir geborenen Kindern, und werde ungemein mutlos in diesem Grips-Theater. Die gleichen Überlegungen, dieselben Erkenntnisse, vertraute Überzeugungen und hehre Ziele – und die Welt dreht sich doch weiter und wird schlechter, auch durch mich, auch wenn ich mich einsetze, nicht konsequent genug, und ich will diese Welt so nicht, aber durch mein Handeln eben vielfach wohl auch doch, bin Teil dieser Ausbeutung, und …. Und während um mich herum eine neue Generation Erster-Welt-Kinder zumindest im Moment des Stücks die Welt retten und alle Ungerechtigkeit beenden will, laufen mir leise bittere Tränen übers Gesicht ob meiner eigenen Unzulänglichkeit, meiner Machtlosigkeit gegen mich selbst und auch gegen diese Welt, die ich noch immer nicht verstehe, und wegen all der großen Fragen des Lebens, auf die meine Antworten wohl für immer zu utopisch, zu idealistisch und sogar für mich zu unerreichbar sind.

„Ja, natürlich ist es nicht so einfach, das ist mir schon klar. Klar, jeder Einzelne von uns hat nur wenig Macht, na und? Ja, bestimmt gibt es zum Beispiel Firmen, die auf einen Schlag mehr verändern könnten und es wegen Geld nicht machen. Aber wenn niemand anfängt, die Welt zu verändern, wie soll es dann passieren?“, entgegnet im Familiengespräch nach dem Stück der abgeklärte Neunjährige und schiebt meine 33jährige Mutlosigkeit damit beherzt herunter von dem Tisch, an dem wir sitzen. Mit seinem Vater diskutiert er weiter, über die Macht des Einzelnen, über das, was wir tun können, und über weltweite Konflikte, und dann reden sie plötzlich darüber, wie es zum Irak-Krieg kam, über Interessen von Ländern an Öl und warum eigentlich niemand in Syrien eingreift, und ob und wie man überhaupt eingreifen könnte, ob Waffengewalt manchmal erlaubt sein darf oder nie, und ich sitze nur da und staune und überlege, ob ich das Plakat noch habe, welches an meiner pubertierenden Jugendwand hing, „Stell dir vor, es ist Krieg und niemand geht hin“, denn es wäre vielleicht ganz dringend Zeit, es wieder hinzuhängen irgendwo, aller Mutlosigkeit zum Trotz. Und dann fragt das Kind: „Ob wir eigentlich zu etwas nütze sein sollen in dieser Welt? Und wenn ja, woher wissen wir, zu was? Und was, wenn wir nicht dazu nütze sein wollen, zu dem, was wir sollen? Wenn wir was anderes wollen? Und wer entscheidet das?“, und mir fällt einfach weiter nichts ein, was ich antworten soll an diesem staunenden Abend.

Geht mal wieder ins Grips-Theater. „Durst“ läuft noch mehrfach im Mai und Juni.

Mai Do, 23.05.2013, 10.00 Uhr
Fr, 24.05.2013, 10.00 Uhr
Sa, 25.05.2013, 16.00 Uhr
Mo, 27.05.2013, 10.00 Uhr
Juni Mi, 05.06.2013, 10.00 Uhr
Do, 06.06.2013, 10.00 Uhr
Fr, 07.06.2013, 10.00 Uhr

– Mehr Infos und Materialien zum Stück und zum Thema (pdf-Abruf)
Mehr Infos zum das Stück vorbereitenden Kinderkongress, der in Berlin stattfand

Und noch ein Zitat zu dem im Herbst bevorstehenden Kongress, auf welchem das Grips-Theater mit dem Stück beteiligt sien wird:

Im September 2013 wird es in São Paulo einen Kinder- bzw. Jugendkongress nach Berliner Vorbild geben: Der GRIPS-Leiter Stefan Fischer-Fels und die Theaterpädagogin Stefanie Kaluza reisen im März auf Einladung des Goethe-Instituts nach Brasilien, um hier das Format Lehrern und Künstlern vorzustellen. Geplant ist im September der „1. Jugendkongress São Paulo“ – auch zum Thema „Wasser“ – veranstaltet vom GRIPS Theater in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut und dem Teatro Paideia, im Rahmen des Kinder- und Jugendtheaterfestivals „Ein Fenster zur Utopie“, zu dem das GRIPS-Theater auch mit seinem Stück DURST eingeladen ist.