Gestern, heute, morgen. Und ne Kurzgeschichte.

Gestern war in Deutschland Tag des Grundgesetzes. Anlässlich dieses Tages werden seit Jahren vom Bündnis für Demokratie und Toleranz Menschen ausgezeichnet, „die sich in ihrem Umfeld für Freiheit, Menschlichkeit, und eine tolerante Gesellschaft einsetzen“.

Heute sollte in Berlin ein Flughafen eröffnet werden. Das hat sich etwas verschoben, aber irgendwann in naher oder ferner Zukunft wird es ihn geben. Und mit ihm, wie schon jetzt vielerortens, Überwachung, Angst und eingebildete Sicherheit genauso wie Diskriminierung und Ausgrenzung.

Gestern, heute, morgen: Genau jetzt ist wohl der richtige Moment für

eine Kurzgeschichte.

Diese hier auch als pdf abrufbare Kurzgeschichte steht, wie so ziemlich alles in diesem Blog, woran ich die Rechte habe, unter der Lizenz CC_BY_NC_ND. Das heißt, dass ihr sie verfielfältigen, verbreiten und öffentlich zugänglich machen dürft, allerdings ohne andere Abstimmung mit mir nur nichtkommerziell, unverändert und unter Nennung meines Namens.

Manuela Schauerhammer:
Mahnwache

Nur langsam wird der Flughafen wach an diesem uniformen Morgen, wie sie jeden Tag in jedem Flughafen jeder größeren Industrienationenstadt wieder von Neuem beginnen. Es ist viel zu früh, und unwillig beginnt für die wenigen, die um diese Zeit schon durch die Welt zu reisen haben, der Tag. Die ersten Maschinen gehen in einer knappen Stunde. An den Check-In-Schaltern ist wenig Betrieb, die meisten der um diese Uhrzeit Reisenden haben ihren Sitz online reserviert. Das Gepäck will so gut wie niemand aufgeben, mehr als eine Aktentasche haben die meisten nicht dabei.

Den Sicherheits-Check sind sie alle gewöhnt. Geübt kippen sie den Kaffee hinunter, den sie nicht mit durch die Schleuse nehmen dürfen, warme Schlucke schlechter Qualität gegen den frühen Morgen. Sie legen Mäntel und Jackets in die grauen Kisten, die auf dem Fließband Runde um Runde durch den Scanner geschoben werden. Eine Box für die Jacke, eine für die Tasche und den Computer, die letzte für das Hosentaschenkleingeld, die Uhr und den aufforderungslos entfernten Gürtel. Kein Problem. Routiniert durch die Schranke. Wer die hellgrauen Wände dennoch zum Piepen bringt, begibt sich fast automatisiert zum Flughafenpersonal. Ein knappes„Setzen Sie sich kurz“, und schon schiebt der Beamte, der eigentlich nicht einmal einer ist, sondern ein ganz privater Sicherheitsangestellter, die Person in eine der grauen Nischen neben dem Fließband, auf welchem inzwischen die Jacken- und die Computerkiste vorbeiziehen. Die Füße auf ein Schemelchen, Schuhe aus, bei den Herren wird die Hose hochgeschoben, bis die haarigen Unterschenkel über den Socken ans Licht kommen.

Ein kleiner Mann mittleren Alters mit arabische Wurzeln vermuten lassender, leicht getönter Haut und dunklen, an den Schläfen bereits grau werdenden Haaren beobachtet die Szenerie für einige Minuten. Dann begibt er sich, einen kleinen Koffer hinter sich her ziehend, seufzend zum Check-In-Schalter. Er wird sein Gepäck aufgeben, handgepäcktauglich oder nicht. Seine Erfahrung ist, dass alles andere den Sicherheits-Überprüfungs-Prozess auffällig verlängert. Das möchte er sich ersparen.

Prüfende Augen erwarten ihn bereits. Ein verlängerter Blick von Sohle bis Scheitel, dann die Aufforderung: „Bitte Ihre Buchungsbestätigung. Und Ihren Pass.“ Er reicht der Dame die Dokumente, den Schein mit der Flugnummer und den Personalausweis, nach dem er nicht gefragt wurde. Sie nimmt beides entgegen, will den Namen eingeben, ihm einen Platz zuweisen. Plötzlich ein erschrecktes Aufblicken. Unbehagen schwebt durch die Abfertigungshalle. Er kennt diesen Blick. Diesen Moment des Schweigens danach, bis die Fassung zurückkehrt, aber nie die Vorbehaltlosigkeit. Auf seinem Ausweis steht Atta. Mohammed.

„Würden Sie mich jetzt bitte einchecken? Am Gang, möglichst vorne, wenn noch etwas frei ist. Das hier ist mein Koffer, den möchte ich aufgeben.“

Schluckend klebt sie ein Bändchen um den Koffergriff, klebt das Gegenstück auf seinen Boarding Pass. Reicht ihm seine Papiere. Kreist das Gate ein, die Zeiten und weist ihm den Weg zur Sicherheitskontrolle. „Gute Reise, Herr.. Atta.“ „Ich danke Ihnen.“
Seine Papiere in der Hand, begibt er sich zum Security-Bereich. Schließt sich den vor ihm stehenden Menschen an, legt seine Jacke wie sie in eine graue Kiste. Entfernt wortlos seinen Gürtel, legt ihn dazu, auch seine Schlüssel. Kleingeld befindet sich nicht in seinen Taschen. Seinen Namen kennt hier, am Security-Fließband, niemand. Dennoch weiß er schon, was ihn vermutlich gleich erwarten wird: Ohne auch nur einen einzigen Pieps zu verursachen, wird sich einer der dunkelblau gekleideten Beamten, nur seine Pflicht tuend, ihm wahrscheinlich besonders zuwenden. Möglicherweise wird seine Jacke eine zweite Runde auf dem Band fahren dürfen. Es ist viel zu oft dasselbe. Was kann er schon dagegen tun.

„Bitte, auch Ihre Schuhe“, fängt es schon an.

Da, plötzlich, wie in einer jecken Eingebung erinnert er sich an einige junge Menschen, die er vor einiger Zeit einmal in den Nachrichten gesehen hat. Über die viele sprachen, einen Moment lang, wegen einer Demonstration in einem Flughafen. Sie hatten sich ausgezogen, aus Protest, als es um diese Nacktscanner ging.

Nackt.

Der Gedanke ist plötzlich so stark. Stets war er korrekt, rechtschaffen, nie in einem über Diskussionen im Familien- und Freundeskreis hinausgehenden Sinne politisch engagiert. Schon gar nicht rebellisch. Aber hier, heute, wird er, der unscheinbare, brave Bürger Mohammed Atta, ein Zeichen setzen. Ein ganz persönliches.

Er nimmt sich eine weitere graue Kiste. Zieht, wie gefordert, die Schuhe aus. Auch die Strümpfe, die er sorgfältig neben die Schuhe in die Box legt. Und dazu auch, er zieht ihn rasch über den Kopf, seinen Pullover. Schon beginnt er, sein Hemd aufzuknöpfen. „Das ist nicht nötig, lassen Sie!“, wird ihm gesagt, da legt er sein Hemd aber schon in die Kiste.Nun das Unterhemd ausziehen, die Hose aufmachen – „Was tun Sie denn da! Sicherheitsdienst! Wir brauchen hier Verstärkung!“, ruft der Beamte, während er aber schon die letzten Hüllen fallen lässt. Mit selbstbewusstem, klarem Blick legt er zügig auch Slip und Hose ordentlich in die graue, zerkratzte Box. Und atmet tief durch.

So steht er nun da, umgeben von vier ihn umringenden Sicherheitsbeamten, ein nackter haariger kleiner Mann. Unbekleidet, an der Flughafen-Sicherheitsschranke.

„Meine Sachen liegen dort auf dem Band. Kann ich jetzt durchgehen?“, fragt er schlicht.

„Bitte? Sie kommen jetzt mit! Wir werden das aufnehmen!“

Sie schieben ihn durch die Schranke. Es piept nicht. Stille.

„Ziehen Sie sich wieder an, sofort“, heißt es tonlos. Er schweigt.

Fädelt sich erhobenen Kopfes, ganz ruhig, in die Reihe der anderen ein, die nebeneinander Knöpfe knöpfen, Schnürbänder schnüren, Jacken überwerfen und ihre Computer einpacken, manche belustigt schauend, manche betont desinteressiert. Was unterscheidet sie? Außer, dass ihn zwei Polizisten sichern. Beaufsichtigen, dass er sich anzieht. Sein Ticket prüfen.
„Wie heißen Sie? Mohammed Atta?!“

Er hört nicht wirklich hin, denkt nach. Ob er sich jetzt strafbar gemacht hat? Darf man sich ganz nackt ausziehen, im Sinne der Sicherheit? Oder im Sinne der Vermeidung ständiger Diskriminierung aufgrund des eigenen Körpers? Zumal man doch aufgrund seiner körperlichen Beschaffenheit gar nicht diskriminiert werden darf? Er weiß es nicht. Er weiß auch nicht, was nun passieren wird, kann nicht einschätzen, wie die Polizei mit ihm umgehen, wie die Situation juristisch bewertet werden wird.

Am Ende wird sich nichts gegen ihn ergeben haben, nicht einmal eine Ordnungswidrigkeit, mangels ihm anzulastender Belästigung der Allgemeinheit im konkreten Falle. Ein ihm zugeteilter Verteidiger wird sogar eine besonders entscheidende Behauptung der Meinungsfreiheit ins Feld geführt haben, in einer heftigen Debatte. Die Medien werden das Gerichtsverfahren zu dieser juristisch unwesentlichen Ordnungswidrigkeitsfrage ausführlich begleitet, die Netz-Community seinen Einfall zum Trending Topic diverser Plattformen gemacht und seinen Fall vielfach diskutiert haben. Sein vormals ohne sein Zutun dramatisch bekannter Name wird von diesem Zeitpunkt an manche nicht mehr nur an einen Unvorstellbares angerichtet habenden Attentäter erinnern, sondern auch – an ihn. Ihn, den nackten Mohammed Atta.

All dies weiß er noch nicht, als er sich wieder anzieht. Es ist auch nicht wichtig in diesem Moment, in dem er die Schließe seines Gürtels zuschnappen und seine Schlüssel wieder in die Hosentasche gleiten lässt. Tief in sich fühlt er, dass das eine wichtige, eine gute Tat war eben. Eine Mahnwache an sich selbst. Eine Ehrung an seine Eltern und Kinder, eine Aktion gegen Ausgrenzung und verblendeten Kontrollwahn. Ein persönliches Zeichen der Hochachtung, der Verbeugung vor den verbrieften Grundpfeilern seines Landes. Und ein kleines, ganz ihm eigenes Reinwaschen seines verbrannten Namens.