LSD

Mit Kindern erlebt man schon was… Zu den Ereignissen der besonderen Art gehört es da wohl, beispielsweise beim ersten LSD-Trip des eigenen Sprösslings, knapp 7, dabeizusein. Das hätte es in meiner Kindheit nicht gegeben!Damals durften Eltern nämlich bei medizinischen Anwendungen an den lieben Kinderlein noch nicht dabeibleiben, jedenfalls nicht in dem Maße wie heute. Und eine solche wurde gestern nach einem unglücklichen Trampolinsprung des kleinen Großen erforderlich. Unterlippe aufgeplatzt, recht ordentlich, musste genäht werden, ärztliche Empfehlung: keine rein örtliche Betäubung durch Spritze, sondern kurze Persönlichkeitsspaltungs-Narkose mittels LSD-ähnlich wirkendem Medikament. (Warum nur lächelte der Anesthesist so verschmitzt, als er mir die Art der verordneten Anwendung mitteilte? Ich bin diesbezüglich ein unbeschriebenes Blatt!)

So wurd’s empfohlen, so wurd’s gemacht, und so saß ich dann auch schon neben einem zunächst dank Wunde und „Gummibärchen-Betäubungssaft“ lallenden, auf einer wachstuchbezogenen Krankenliege schwummerig hin- und herwackelnden, sich irgendwann doch besser hinlegenden Kinde, welches an sich selbst Experimente machte, indem es verpeilt-erstaunt immer wieder mal in sein auf den linken Arm geklebtes Betäubungspflaster kniff und nichts spürte. Just in diesem Moment wurden mir blauer OP-Kittel, Plastiküberzieher für die Schuhe und ein schickes grünes OP-Häubchen gereicht, und ab gingen wir in die Opiumhöhle – ääh, in den OP-Raum mit dem lustigen Anästhesisten. Dieser löste das Pflaster, setzte an dieser Stelle eine blaue Braunüle und erklärte dem dämmernden Kinde noch mal dass dort jetzt das Medikament rein… – aber da begannen auch schon die Augen zu zappeln, der Kindermund verzog sich zu einem süßen Lächeln, ein kurzes Kichern noch und dann – verließ ich den Raum.

Zehn Minuten später brachten sie mir das liebe Träumkind in den Aufwachraum, wo der Gute unter einem überdimensionalen 3×4-Meter-Bild von Schneewittchen und den sieben Zwergen, einer unendlichen Anzahl von Teddybär-Postern an den anderen Wänden und einem riesigen Lampion-Mond an der Decke seinen Rausch auslebte. Perfekte Bedingungen für einen Trip ins Märchenland, würde ich sagen. Beim Wachwerden wurde die in ihm steckende blaue Braunüle zu einem Schiff, welches auf seinem durch den Äther schwebenden Wellenarm fuhr, er segelte anscheinend über die Meere und faselte träumend von alten Kinderladenfreunden, der kleinen Schwester, Angelabenteuern und Salamibroten, die mit Schweewittchen geteilt wurden, aber nur ein Bissen. Wow, das muss ihm erst mal einer nachmachen…

Später, auf dem Weg nach Hause, stützte ich den schwankenden Bootsmann, der mit schlappen Beinen zum Auto watete, und im Treppenhaus entschieden wir Eltern uns dafür, den kleinen Maat ins Krähennest hochzutragen. Die schlappen Beinchen waren eindeutig zu schlaff zum koordinierten Hochkraxeln. Er schlürfte dann mit dicker Lippe Hühnerbrühe und Joghurt mit dem Strohhalm, klagte über Hunger, ließ sich willig schluckend kleine Nudeln in den Mund schaufeln und war insgesamt doch noch sehr benebelt. Nun hoffen wir mal, dass die Schwellung und der Bluterguss bald zurückgehen, er ist doch sehr von seinem „voll miesen“ Aussehen beeindruckt.

Übrigens, Glück im Unglück, oder doch Pech, wir wissen es nicht genau: Der Wackelzahn, der ihn seit einigen Tagen schmückt, hat Sturz, Lippenriss und Näh-Eskapaden wackelnd, aber sicher in seinem Mund überstanden… (aber lang kanns nicht mehr dauern, dann wird aus „Captain dicke Lippe“ „Kapitän Zahnlücke“).

2 Gedanken zu „LSD“

  1. Lol. Musste ziemlich lachen beim Lesen deines Artikels. Kenne ich noch gut das Verhalten von unserem Großen bei Narkose vor einer kleinen notwenigen OP … gab großen Anlass zur Heiterkeit unsererseits 🙂

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