Zementierte Geschlechterrollen

Ja, mein Mädchen trägt gerne rosa Kleider. Ja, mein Junge mag keine Schleifchen im Haar. Ja, Kinder leben und erleben die sie umgebende Welt und suchen sich ihre ganz persönliche Rolle in dieser, durchaus auch geprägt von Geschlechterstereotypen.

Gerade daher aber ist es mir wichtig, mich dafür einzusetzen, starr vorgegebene Rollen infragezustellen: Es gibt zwar bestimmte Vorstellungen über angeblich geschlechtsbezogene Eigenschaften und Rollenbilder, die unsere Gesellschaft prägen, aber damit sind diese längst noch nicht komplett naturgegeben (vielleicht in Teilen, vielleicht auch überhaupt nicht, hieran scheiden sich ja die wissenschaftlichen Geister) und in der Folge auch nicht unveränderbar.

Auf der Internetseite der Zeitschrift Eltern stieß ich auf diesen Artikel, in welchem sich der Autor Wolfgang Bergmann, Erziehungswissenschaftler und Leiter des Instituts für Kinderpsychologie und Lerntherapie in Hannover, für ein wichtiges Thema einsetzt; jedoch unter der (nicht einmal offen erklärten!) Annahme, dass bestimmte charakterliche Eigenschaften geschlechtsverknüpft seien. Dies ärgerte mich so sehr, dass ich einen Kommentar veröffentlichen wollte. Der sprengte aber den Rahmen von eltern.de – und darum steht mein Kommentar jetzt hier.

Sehr geehrter Herr Bergmann,

mit Ihrem Artikel bei eltern.de kann ich mich nicht anfreunden, obwohl viele Aspekte richtig angedacht sind.

Ja, ich glaube auch, dass kleine Jungs laut sein, sich raufen, toben und wild spielen dürfen sollen. Ja, der Leistungsdruck, dem vielerorts schon Kindergartenkinder ausgesetzt sind, ist unbedingt kritikwürdig. Ja, viele Erwachsene mischen sich viel zu sehr in die kindlichen Erlebniswelten ein.

Aber: Sie behaupten implizit, dass „laut sein“, „wild sein“, „sich raufen wollen“ durchweg männliche Eigenschaften seien, die die Jungs durch den Einfluss des (zudem vorwiegend weiblichen) Personals in Kindergärten und Schulen nicht ausleben könnten, und bauen hierauf Ihre gesamte Argumentationsstruktur auf. Dies halte ich für äußerst kritikwürdig.

Es ist richtig, dass die Personalstruktur insofern negative Einflüsse mit sich bringen kann, jedoch: Dies ist mindestens jedenfalls zu weiten Teilen selbst keine Ursache, sondern eine Folge. Eine Folge aus den Sozialisierungs- und Erziehungsmustern, die auch diese Erwachsenen ihr Leben lang als Teile dieser Gesellschaft erfahren haben.

Es gibt sehrwohl viele Wissenschaffende, die Ihre Behauptung nach „typisch männlichen“ und damit auch „typisch weiblichen“ im Sinne von angeborenen Eigenschaften so nicht anerkennen. Sondern die vielmehr davon ausgehen, dass diese zumindest zu großen Teilen aus von der Gesellschaft getroffenen Grundannahmen resultieren: Wir alle werden geprägt, durch teils jahrhundertealte Einflüsse, die unsere sozialen Normen prägen und unser Zusammenleben bestimmen.

Nicht nur die kleinen und großen Jungs dürfen so manches nicht, die kleinen Mädchen betrifft das ebenso. Nur, dass diese, wenn sie zum Beispiel gerne basteln, als „artgerecht“ erlebt werden, und wenn sie lieber auf dem Bolzplatz Fußball spielen oder sich auch mal prügeln, immer noch viel zu oft als ZU wild, ZU aktiv, ZU laut wahrgenommen werden – im Gegensatz zu Jungs, bei denen genau das Gegenteilige als „normal“ angesehen wird. Dies ist letztlich jedoch für alle Kinder einschränkend, profitieren können hiervon weder die einen noch die anderen.

Die Muster in den Köpfen sind heute sicherlich (glücklicherweise) schon weniger starr als noch vor einer oder zwei Generationen, jedoch: Manche Verhaltensweisen werden je nach Geschlecht bis heute als unterschiedlich „normal“ bewertet. Mit Ihren stereotyp an Geschlechterbildern hängenden und insofern klischeehaften Ausführungen tragen Sie dazu bei, dass diese Muster wieder und wieder rekonstruiert werden.

Wir sollten meiner Meinung nach stattdessen allen Kindern zugestehen, Freiräume zu entdecken, so, wie es ihnen beliebt. Wir sollten versuchen, uns viel mehr von den Kategorien „männlich“ und „weiblich“ zu lösen, sowohl, was unsere Erwartungen Kindern gegenüber als auch, was unsere Erwartungen „Frauen“ und „Männern“ gegenüber angeht. Oder jedenfalls sollten wir uns immer wieder bewusst machen, dass wir es sind, die diese Rollenbilder definieren, und dass es uns auch freisteht, zu wählen, wann wir uns diesen entsprechend und wann diesen entgegenstehend verhalten wollen.

Lasst eure Jungen und Mädchen Kinder sein, oder noch weiter und ehrlicher gefasst: uns Menschen Menschen, ob groß oder klein, ob männlichen oder weiblichen Geschlechts. Unikate: Laut, leise, grob, zart, schwach, stark, raufend oder ausgleichend. Am besten wohl von allem ein bisschen.

5 Gedanken zu „Zementierte Geschlechterrollen“

  1. Ich denke, dass bei Jungen und Mädchen im Schnitt deutliche Unterschiede vorliegen, die auch im wesentlichen den Geschlechtersterotypen entsprechen, dass aber dies nicht bedeutet, dass der Einzelne zwingend so oder so sein muss. Die Geschlechtereigenschaften sind nicht hell und dunkel, sondern verlaufen in zwei Gausschen Verteilungskurven, es gibt also deutlich mehr Jungen, die jungensachen mögen und deutlich mehr Mädchen die Mädchensachen mögen. Ausnahmen sind aber in beiden Fällen vorhanden, so dass man es bezogen auf das Einzelkind nicht dogmatisch sehen sollte.

    1. Dass „deutlich mehr Jungen Jungensachen und deutlich mehr Mädchen Mädchensachen mögen“ mag ja sein – aber die Frage, die sich stellt, ist doch: WARUM ist das so? Ist das nun angeboren oder sozialisiert? Und genau hierüber gibt es eben mannigfaltige Ansichten, Berge an Literatur und wissenschaftlicher Auseinandersetzung.

      Ich finde es biologisch äußerst wenig plausibel, dass Mädchen durchschnittlich zum Beispiel rosa lieber mögen als Jungen. Dass Jungen lieber Fußball spielen als Mädchen. Nur Mädchen Haarspangen tragen mögen, Jungen keine Röcke.
      Usw., etc. pp.
      All dies sind doch viel mehr Punkte, die in sehr starkem Maße gesellschaftlicher Normierung unterliegen – und dies weit über den Rahmen der kleinen Familie hinaus: Wir alle sind von klein auf Teil der Welt, in der wir leben. Wir alle arrangieren uns damit in der einen oder anderen Weise. Und so ergeben sich natürlich und gerade schon bei Kindern, die sich ihre Welt gerade aufbauen, aus diesen Beobachtungen und dem, wie mit ihnen umgegangen wird, Annäherungen, Verteilungskurven.

      Die biologische Anlage ist damit aber keineswegs bewiesen, sondern eben nur, dass unsere Welt nach sozialen Geschlechterstereotypen ordnet.

      Es liegt an uns, uns dieser Stereotype bewusst zu werden, sie zu hinterfragen und sie mindestens an den Punkten, wo Menschen -ganz gleich welchen Geschlechts- hierdurch Nachteile entstehen, unbedingt infragezustellen.

      Dies aber geschieht gerade nicht, wenn wir die Annahmen über „typisch weibliche versus männliche“ Eigenschaften von der einen oder der anderen Seite immer wieder betonen und sie auf diese Weise erhalten und zementieren.

      Und genau hier ist mein Kritikpunkt am Artikel, auf den ich mich bezog. Er dekonstruiert nicht. er verstärkt. Dies aber ist meiner Meinung nach weder im Interesse der Jungen noch in dem der Mädchen.

      1. Zu Rosa habe ich gerade was geschrieben. Das ist denke ich schon eine sehr überwiegend kulturelle Zuordnung.

        Man muss sich, wenn man verstehen will, warum Rollen festgeschrieben sind, deutlich machen, dass dies erhebliche Vorteile geboten hat und insbesondere auch eine sexuelle Selektion auf diese Eigenschaften ermöglicht hat, was biologisch gerade bei Menschen aufgrund der sehr unselbständigen Kinder wichtig ist.
        Hinzu kommen die unterschiedlichen Wirkungen von Hormonen, die schon einmal sehr auffällige Unterschiede bewirken.
        Aber natürlich entbindet das einen nicht von einer Prüfung, was nun jeweils Kultur und was Biologie ist. Und es sagt auch nichts über das einzelne Kind aus, dem man immer die entsprechenden Freiheiten lassen sollte.

      2. Hallo Manu,
        ich denke, der Verfasser wollte schlichtweg ein Plädoyer für Jungen halten und ist hierbei (wahrscheinlich gewollt) sehr provokant vorgegangen, um das Thema ins Gespräch zu bringen. Das ist ihm ja auch offensichtlich gelungen.
        Das Thema geschlechterspezifische Stereotype scheint Ihnen sehr Nahe zu gehen, ich finde jedoch Sie interpretieren in diesem Punkte zu viel in den Text des Verfassers hinein.
        Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich selbst hatte als Jahrgang 1968 Geborene und für ein Mädchen den damaligen Vorstellungen nach „zu wild“ Geratene auch unter diesen gesellschaftlichen Vorstellungen „zu leiden“. Meine Weigerung am Ballettunterricht teilzunehmen und stattdessen lieber mit den Nachbarskindern zu bolzen und auf Bäume zu klettern wurde eher mißbilligend toleriert und der Satz:“Du bist ja wie ein Junge!“ tönt mir heute noch im Ohr – allerdings habe ich ihn für mich eher als Kompliment interpretiert ! 😉
        Dass Mädchen nicht mit einem „Rosa-Gen“ geboren werden ist klar, trotzdem gibt es Unterschiede in Entwicklung und Verhalten zwischen dem Großteil aller Jungen und Mädchen – und diesen Unterschieden sollte Rechnung getragen werden, um eine individuelle Entwicklung zu ermöglichen.
        Emanzipation ist eine Sache – Gleichmacherei eine andere.
        Viele Grüße
        Constanze

  2. ach die alte diskussion um das rollenbild- a schmarn. ich bin selber gerade tragend und da ich weiß wie schwer es mädchen in unserer gesellschaft noch immer haben -und ich bin weiß gott keine emanze-hätte ich mir ja gerne aussuchen können einen buben zu bekommen statt ein madl 😉 frauen müssen ja heutzutage allen klisches gerecht werden:übermama,überfrau,geliebte,erfolgreich im beruf…das kann frau gar nicht alles gleichzeitig leisten… es gibt ja auch sehr interessante theorien zum thema “das geschlecht des kindes beeinflussen,einen solchen fand ich unter http://www.9monate.de/junge_oder_maedchen.html
    sehr amüsant ,)

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