Ob es richtig oder falsch ist, seine Kinder mit Figuren wie Weihnachtsmann, Osterhase und Co. aufwachsen zu lassen, kann sicherlich diskutiert werden. Wir haben uns dafür entschieden. Weil es einfach magisch ist, weil es bezaubert und träumen lässt. Damit verbunden ist jedoch auch die Frage, wann der richtige Moment der Auflösung ist.
Nun haben wir hier inzwischen auch ein Schulkind. Einen kleinen großen Jungen, clever, smart und inbrünstiger Weihnachtsmann-Osterhasen-Gläubiger. Wie sollten wir es ihm „beibringen“? M meinte erst: „Einfach abwarten. Das findet er selbst heraus.“ Aber würden wir ihn so nicht möglicherweise ins offene Messer laufen lassen? Ihn vielleicht sogar Lästereien aussetzen à la „Baby, glaubt noch an den Weihnachtsmann!“?
Kein schöner Gedanke. Ich wollte einen anderen Weg.
Ich selbst kann mich noch genau erinnern an den nebligen Herbsttag, ich muss ungefähr sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein, als ich mit meinen Eltern durch ein Maisfeld und an einem kleinen See entlangspazierte und meine Mutter vertrauensvoll ein „Erwachsenengespräch“ mit mir führte. Ich kann noch heute genau dieses beeindruckte Kribbeln fühlen, dieses „Großsein“, dieses „Die-Welt-Verstehen“. Es war nicht traurig, es hat mich nicht wütend gemacht. Vielmehr war dieser Moment ein bedeutender Moment der Gleichwertigkeit, des Ernstgenommenwerdens. Gut und richtig.
Vorgestern nun, Dienstag Abend, gemeinsamer Fahrrad-Heimweg im Nieselregen. Da vertauschte ich die Rollen meiner Kindheitserinnerung. Bat meinen Jungen, von seinem Fahrrad abzusteigen, für ein wichtiges Gespräch. Wir schoben unsere Räder und redeten. Ich sah seinen beeindruckten Blick und auch das aufgeregt-stolze Funkeln in seinen Augen. Habe ihm all seine Fragen beantwortet und ihn gebeten, dieses Geheimnis vor anderen, Kleineren zu bewahren, damit sie diesen Märchenzauber haben dürfen. Und ihm gesagt, dass ja niemand genau weiß, ob es nicht am Ende der Welt vielleicht doch…
Aber dass dies eben nichts mit den Geschenken zu tun hat.
Dann sind wir zusammen heimgeradelt. Auch er offensichtlich ohne Wut, ohne Traurigkeit, aber zwei Zentimeter größer.