Wo die Seele wohnt.

Neulich in Berlin: Geplant ist eigentlich ein Stadtparkausflug. Doch, ach, auf dem Weg durch den fremden Stadtteil rufen die Kinder: „Da ist ja ein Loch im Zaun!“, „Ha, da klettern wir jetzt durch“, und schon laufen sie nach kurzem Bücken in den grünen Kreuzberger Friedhofspark hinein.

Ich, die Mutter, krieche hinterher, denke ‚was ist schon dabei, gehen wir halt auf ’nem Friedhof spazieren‘. Er ist aber viel größer als die, welche die Kinder bisher kennen, kein alter Bauerndorffriedhof aus dem Urlaub, auch nicht vergleichbar mit dem Uraltfriedhof mit den moosbewachsenen Grabsteinen in Pankower Daheimnähe. So laufe ich ihnen hinterher, zügiger, um sie noch einzuholen, spreche doch lieber kurz an, dass ein Friedhof – jedenfalls hierzulande – eher ein ruhiger, besinnlicher, für manche auch trauriger Ort sei, dass sie bitte respektvoll mit anderen sein sollen,… Es wäre nicht nötig gewesen. Welch beeindruckende Auseinandersetzung.

Zwei Kinder laufen über den Friedhof. Sie lesen. Sie rechnen. Sie reden. Weniger mit mir. Ich beobachte. Ich schreibe. Jetzt, hier. Die Kinderrede ist kursiv gesetzt, der Lesbarkeit wegen.

„Guck mal, hier ist ein Kindergrab.“ „Hmm, ja, stimmt.“ „5 Jahre alt ist das Mädchen geworden.“ „Sie hatte bestimmt eine Krankheit.“ „Oder einen Autounfall.“ „Das kann man nicht wissen.“

„Die hier waren aber alle erwachsen.“

„Wie wird das denn sortiert eigentlich? Können wir mal da hin gehen, wo noch mehr Kindergräber sind? Das interessiert mich mehr.“

„Gibt es auch Gräber für ganze Familien?“ „Ja, hier, guck mal, das waren vermutlich die Eltern. Die sind dann und dann gestorben, und hier, daneben, sind die Töchter begraben. Die sind erst viele Jahre später gestorben, da waren sie dann auch richtig alt.“ „So ein Familiengrab finde ich eigentlich ganz schön. Können wir das dann später auch so machen?“

„Ich kann ja gar nicht mit euch in ein Grab. Weil ich mich doch spenden werde.“ Die wissenschaftsbegeisterte Tochter steht vor einem Dilemma. „Ich denke schon, dass sich das vereinbaren lässt. Alle Toten werden beerdigt. Wenn du Organspende meinst, auf jeden Fall. Die Organe werden entnommen, und dann kann der restliche Körper ja beerdigt werden. Wenn du deinen Körper richtig der Forschung zur Verfügung stellen willst, weiß ich nicht genau, wie das geregelt ist und wie sehr man da über den Ort bestimmen kann. Aber auch da wird der Körper schließlich auf jeden Fall beerdigt. Das lässt sich auch bestimmt herausfinden.“

Sohn überlegt: „Ich will meine Organe eher nicht spenden. Sonst komme ich vielleicht nicht in den Himmel rein.“ „Aber wenn es den gibt, geht da doch nur die Seele hin. Und wenn damit jemand anderes weiterleben kann..“ „Ja, aber wer weiß schon, wo im Körper die Seele wohnt. Was, wenn die zum Beispiel im Herzen ist? Vielleicht kann die dann nicht raus, wenn das Herz noch weiterlebt.“ „Papa glaubt nicht, dass es den Himmel gibt. Und Mama sagt, sie hat keine Ahnung.“

Sie laufen über eine Wiese, Tochter bis zu dem großen Kreuz in der Mitte. „Kriegsgräber“, liest sie vor.
Sohn geht andächtig die Reihen entlang. Liest Namen, rechnet Alter aus. Sieht reihenweise gleiche Todesdaten. Die Kinder überschlagen, wie viele Steine das sind. „Zähl mal eine Reihe durch, dann nehmen wir das Mal.“

Tochter kniet sich hin. Sie beginnt, Gänseblümchen zu pflücken. Legt sie auf die Grabsteine, schiebt sie hin und her, sammelt hier noch ein Blatt, legt da noch einen Grashalm dazu. „Das sieht jetzt viel hübscher aus. Die Gräber sollen nicht so gleich aussehen. Man soll doch sehen, dass andere Menschen an die toten Menschen denken.“ „Genau, wir haben jetzt an diese Menschen gedacht.“ „Ja. Das ist richtig gut.“

Sohn überlegt. „Hier sind noch ganz viele Reihen frei, und da vorne sind noch Steine. Sind die Menschen hier jetzt genau unter dem Stein beerdigt oder ist das einfach nur zum Gedenken? Kommen hier noch neue Gräber hin, oder ist die ganze Wiese hier für die Kriegstoten?“ Und etwas später: „Warum sprechen die Menschen eigentlich meistens nur von den Toten im Zweiten Weltkrieg? Im Ersten Weltkrieg sind doch auch viele Menschen gestorben?“

Wir laufen weiter. Ein gutes Stück entfernt, aber in unserer Blicklinie sitzt jemand rauchend auf einer Bank. Sohn regt sich neben mir auf: „DAS soll erlaubt sein? Rauchen auf ’nem Friedhof? Die Luft der Toten so zu verpesten?“ Ich relativiere, dass doch vielleicht die tote Person auch geraucht hat, und vielleicht haben die beiden immer gerne zusammen in der Sonne gesessen, im Park oder auf einem Balkon, und vielleicht sei genau das eine gute Art, sich an die verstorbene Person zu erinnern. Mir scheint, dass meine Argumentation dann doch überzeugt.

„Guck mal, hier an dem Kreuz ist ein Foto angebracht.“ „Der da beerdigt ist, sah also mal so aus.“ „Jetzt sieht der aber nicht mehr so aus.“

Sie lesen die Sprüche auf den Grabsteinen, finden noch mehr Familien, schauen nach, wer wann zuerst oder zuletzt gestorben ist. Entdecken einmal, dass eine ältere und eine jüngere Frau in einer Familiengrabstätte am selben Tag starben. Vermuten einen Unfall.

Finden ein völlig verwachsenes Grab. „Um den Grabstein da ist ein ganzer Busch gewachsen. Der ist jetzt richtig geheim.“ „Kümmert sich denn da keiner mehr?“ Pflücken Wegrandblümchen und stecken sie in den Busch.

„Schau mal, da sind halbvolle Kerzen in dem Gittercontainer!“ „Wer schmeißt denn sowas weg? Und ’ne schöne alte Bank! Da müssen doch nur neue Bretter drauf, dann ist die doch wieder gut!“ – Es ist gar nicht so leicht, die häufig upcyclenden Kinder davon zu überzeugen, dass das Mitnehmen von Zeug aus einem Friedhofsmüll der Mutter doch irgendwie unpassend erscheint, unangenehm ist und bitte jetzt nicht erfolgt. Ich erkläre irgendwas mit Pietät und gebe ehrlich zu, dass ich eigentlich gar nicht genau weiß, wie und ob es hierzu Friedhofs-Anstands-Regeln gibt. Aber dass ich aus genau dieser Unkenntnis heraus dringend erbitte, dass sie sich diesbezüglich aktuell erst einmal zurücknehmen. Sie könnten ja ein anderes Mal den Friedhofswärter fragen, der wüsste so etwas sicherlich.

Wir nähern uns dem Ausgang. Dahinter wartet der Kindervater, wir wollen gemeinsam ja eigentlich in den ursprünglich geplanten Park. Sohn findet auch, dass es jetzt mit Friedhof reicht. Aber Tochter will noch bleiben. Sohn und ich schlendern langsam voran Richtung Tor, sie bleibt schmollend zurück. Langsam fühle ich den Nerv in mir aufsteigen, schließlich rufe ich unpädagogisch: „Dann bleibst du halt hier!“, und laufe zügiger weiter. Sohn schaut mich grinsend von der Seite an. „Das war jetzt aber schon echt fies. Und du würdest das eh nie machen“, und wenig später: „Siehste. Jetzt bist du stehen geblieben, hab ichs doch gewusst.“ Tochter kommt angelaufen. Ich nehme sie auf den Arm. „Ich bin noch nicht fertig!“ „Ich weiß. Aber wir hatten diesen Abstecher doch gar nicht eingeplant. Und sonst haben wir gar keine Zeit mehr für den Park mit den Riesenrutschen. Da wolltest du doch auch hin.“ „Ja, stimmt. Aber nächstes Mal möchte ich noch zu den Kindergräbern! Die interessieren mich nämlich am meisten.“ Versprochen, Tochter.

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