Vom richtigen Leben im richtigen

Wieder einmal ist ein Zeltlager vorbei. Wieder einmal habe ich drei tolle, anstrengende Wochen mit tollen, anstrengenden Menschen verbracht, kleinen und großen, vielen jüngeren, einigen älteren. Mit ihnen gelacht, gelästert, gelernt, gelebt. In Schweden ein Drei-Wochen-Zeltlagerleben mitgestaltet, so aufrichtig und richtig, so gemeinsam und ehrlich und unmittelbar, wie das eben möglich ist mit in diesem Jahr insgesamt über 140 Menschen auf einem wilden Naturzeltplatz in der mir seit unfassbaren zwanzig Jahren bekannten Weite am südschwedischen Bolmensee.

Damals wie heute bin ich bewegt: Von den Kindern mit ihren so unterschiedlichen Geschichten und Charakteren. Von der Gemeinsamkeit, oder manchmal auch von dem immerwährenden Versuchsprojekt, aus Gegeneinander Gemeinsam wachsen zu lassen. Von den vielen Aktivitäten, die ich vorurteilsfrei ausprobieren durfte ebenso wie von all denen, die ich beisteuern, weitergeben konnte an andere.

In diesem Jahr von anderen gelernt (unter anderem): Wie Manu Fische angelt und ausnimmt. Wie Manu eine abgesprungene Fahrradkette wieder auf ein klappriges altes Fahrrad bekommt, sodass es fährt. Was eine Zapfwelle ist, wie ein Heuwender funktioniert, und wo Manu theoretisch in bzw. auf einem Mähdrescher Spiegeleier braten könnte.

In diesem Jahr von mir an andere weitergegeben (unter anderem): Wie ein Fisch ausgenommen wird (Gelerntes gleich weitertragen! 😉 ); wie jedes Kind leicht Knöpfe per Hand selbst annähen und mit einer Nähmaschine Zeugs nähen kann; wie ein Feuer ohne Deodosen oder Papier angezündet wird; was Gräte auf Französisch heißt und wie sich aus Lederresten Armbänder herstellen lassen.

Einmal mehr hat es mich berührt, dieses besondere Leben fernab von Irgendwo. Einmal mehr führte ich mit mir bereits bekannten und neu hinzugekommenen großen und kleinen Menschen Gespräche über Sinn und vor allem über Unsinn, träumte von Utopia, redete von Krieg und Frieden, spielte Gitarre, tanzte vorm großen Elefantenzelt in den Abendhorizont hinein, sah dem Gras beim Wachsen und den Fischlein beim Wasserkreiseziehen zu. Zugegeben, am Ende hätte ich sie am liebsten noch einen Moment länger festgehalten, diese Zeltlagerzeit. Wäre gern noch viel öfter kanufahren gegangen oder surfbrettpaddeln, angeln, beim Milchbauern Landmaschinen angucken oder Was-Auch-Immer. Und hab mir wohl in manuesker Drei-Wochen-Ende-Wehmut das obligatorische Ende selbst ein Stück weit zermatscht, schnief. Wie gut, dass die Unmengen von Kindern sich – Zeit ist relativ – nach den für ihre kindlichen Seelen wirklich langen drei Wochen an meiner Statt absolut zurück nach Hause sehnten, und wohl auch, dass man dem sommersprossennasigen Teenager in mir bildlich gesprochen mit der Hand vor die bolmenseewasserumnebelte Stirn klatschte, mich schließlich wie alle anderen Mitfahrenden auf meinen Busplatz setzte und meinen inneren Quergeist somit hopplahopp in mein ebenso liebenswertes Berlinleben zurückbeförderte.

Zu Recht, denn das Hier ist zugegebenermaßen durchaus die Rückkehr ins Großstadtmittendrin wert: Nicht nur, weil es hier schaumgefüllte Badewannen gibt, die in der Tat eine erwähnenswerte Abwechslung zu Badeaufsichten am Bolmenseestrand und zu den strohhalmkratzigen Duschcontainern des Campingplatzes sind. Viel mehr: Der in Berlin auf mich wartende Herzensmensch hat schließlich noch immer diese dunkel funkelnden blaugrauen Wolkenaugen, die allein schon eine Rückkehr lohnen; zudem bietet der wassergrüne Schreibtisch ab sofort einige spannend-erfreuliche Jobprojekte, auf dem Balkon ist die Saat aufgegangen und eine Pflanzenexplosion passiert in meiner Abwesenheit, und mit einer Gedankenschatztruhe voller Manuprojekte werden sicher auch die kommenden neunundvierzig Großstadtwochen keinesfalls eintönig und städtischgrau. Da kann es wohl beruhigt durchatmen, das trotz allem noch ein wenig in Schweden festhängende Herz, und sich freuen auf die bevorstehenden neunundvierzig Berlinwochen. Und falls die große Stadt doch mal zu grau und eng wird, vielleicht auch doch schon ein kleines bisschen auf das Drei-Wochen-Polen-Zeltlager-Leben im kommenden Sommer..

Mehr Fotos und einen Rückwärtsblick auf die vergangenen drei Wochen findet ihr mit der hier verlinkten Suche auf Twitter.

3 Gedanken zu „Vom richtigen Leben im richtigen“

    1. Tjaja, da war ich so vergleichsweise in deiner theoretischen Nähe und praktisch hat es wieder nicht geklappt mit uns beiden… Wir schaffen das aber bald mal, du beste aller Annen, ja? :-) Freu mich schon.

  1. Nach-Hause-Kommen aus dem Zeltlager: Mit mückenbestochenen, barfußlaufsandigen Dreckübertünch-Nagellack-Sommerfüßen zu Hause als allererstes auf den Frühstückstisch geklettert, um ein Luftbild vom schier unglaublichen Frühstück – statt der aus den letzten

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