Verkehrsmeditationen

Wer Kinder hat oder einen stressigen Job -oder noch besser und-, der versteht aus persönlicher Erfahrung, was der Postkartenspruch

‚Das Leben ist einfach: Wir rennen hin und her, und eines Tages sind wir tot‘

bedeutet. Hin und her, her und hin, von Pontius zu Pilatus, fleißig wie der Hamster im Rad. Und irgendwann fällt er um.Damit genau das nicht passiert, tut man gut daran sich Ruheinseln zu verschaffen. Kleine Auszeiten, fein gleichmäßig über den Tag verteilt. Und dann: Augen zu und entspannen.
Das ist ja schön und gut, aber wie soll man denn DAFÜR nun auch noch Zeit finden?!

Ich für meinen Teil habe hierfür eine stadtmenschentaugliche Lösung gefunden: Rote Ampeln.

Wie wohltuend, bei Rot einfach ganz bewusst stehen zu bleiben – und zwar auch und gerade, wenn man ohne Kinder unterwegs ist (in ihrer Anwesenheit verbietet sich das Überqueren bei Rot schließlich aus pflichtvoller Vorbildfunktion heraus sowieso).
Ja, es geht immer noch einen Tick schneller. Ja, alle anderen überqueren, dem Herdentrieb folgend, zu jeder Zeit die Fahrbahnen, sobald sich zwischen zwei Fahrzeugen eine handtellerbreite Lücke auftut. Aber – warum eigentlich?

Ich bleibe jetzt tatsächlich stehen bei Rot, entscheide mich bewusst für diese Momente des Anhaltens, begreife sie als Chance kurz auszusteigen aus der Hektik des Alltags. Betrachte sie nicht als sinnlose Zeit des Wartens, sondern als exklusive Augenblicke, für mich allein reserviert. Meine Alltagsinseln.
„Rot sehen“ bekommt so eine ganz neue Bedeutung: Wenn ich heute Rot sehe, regieren nicht mehr Hektik, Chaos und Ärger, sondern Ruhe und Stille.

Da steht sie, ihr eigener Fels in der Verkehrsbrandung, still, atmet durch und hält die Stadt an. Spürt den Wind in den Haaren und sonst nichts. Punktgenaues Innehalten.

Ach, wenn doch nur endlich wieder Rot wäre!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *