Tropfen auf den heißen #LaGeSo-Stein.

LAGESO_Wasser

Gestern bereits lief es nicht nur über Twitter, sondern wurde u.a. auch vom rbb laut auf die Agenda gesetzt: Bei um 40 Grad Außentemperatur in Berlin müssen Menschen vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (kurz: LaGeSo), der zentralen Anlaufstelle für Flüchtlinge in Berlin, ausharren. Tag und Nacht, teilweise über einen mehrtägigen Zeitraum. Ohne vernünftig sichergestellte Versorgung mit Essen, Wasser, Medikamenten oder Schlafplätzen – nicht einmal (ausreichend) Zelte sind vor Ort. Freiwillig Helfende riefen angesichts der offenbar katastrophalen Umstände vor Ort die Bevölkerung auf, akut aktiv zu werden und zu unterstützen.
Es kann doch wohl nicht angehen, dass in einer Stadt wie Berlin Menschen ohne ausreichend Wasser und elementare Grundversorgung irgendwo ausharren müssen?! „Da muss man doch helfen! Was können wir tun?“, berieten K1 und ich beim Frühstück. Wir entschieden uns dafür, Wasser und Gurken zu besorgen und vor Ort zu verteilen. Schnell also zum nächsten Discounter. „Beeindruckung“ Nummer 1: Angesichts unserer zwei Einkaufswagen mit monotoner Beladung ahnte die Kassiererin schon, was wir vorhatten: „Bringen Sie das zu den Flüchtlingen? Da waren heute früh schon junge Leute hier. Ich würde Ihnen da ja gerne auch Rabatt geben, aber ich darf sowas nicht entscheiden. Aber ich finde es ganz toll, dass Menschen das machen.“

Vor Ort dann „Beeindruckung“ Nummer 2: Bei der Auffahrt aufs Gelände riet uns – sicherlich wohlmeinend – ein Mitarbeiter vom Sicherheitsdienst: „Hier sind chaotische Zustände. Fahren Sie direkt zu der Sammelstelle. Verteilen Sie bloß nicht selbst. Es gab schon Prügeleien! Die Autos sind nicht sicher!“ (Vorab: Unserem Auto und uns ist natürlich nichts passiert. Wir wurden vielmehr sehr freundlich empfangen, hilfsbereite Menschen packten an, um die Wasserflaschen vom Auto zum Sammelpunkt zu bringen. Und ja, die Mitarbeiter des LaGeSo haben es sicherlich im Moment nicht leicht – allseitige Überforderung ist verständlich angesichts der Arbeitssituation. In Sachen Begrüßung war dies aber jedenfalls das Schroffeste, was uns entgegenschlug.)

Wir folgten nun jedenfalls motorisiert den Schildern Richtung Sammelstelle. Schwierig: Das Gelände ist vielfach nur mit einer Fahrspur angelegt – und angesichts der vielen Menschen, die wie wir spontan Hilfsgüter abliefern wollten (das war ganz toll zu sehen! – „Beeindruckung“ Nummer 3), kam es dann vor allem erst einmal zu logistischen Problemen. Hinter uns im Einbahnstraßenstau stand nämlich u.a. ein Kleinbus der Gerichtsmedizin, die offenbar auch auf dem Gelände verortet ist – und der Fahrer hatte ein echt drängendes Problem, mit dem er an die Autoscheiben klopfte („Beeindruckung“ Nummer 4): „Ich finde es toll, dass Sie alle spenden wollen. Aber ich habe im Wagen keine Kühlung – und wenn ich hier weiter Schlange stehen muss, gammeln mir hinten im Wagen die Leichen weg…“

Also doch nicht direkt via Spendenstau zur Sammelstelle, sondern irgendwo anders parken. K1 so: “ Los, wir verteilen jetzt einfach.“ Auto auf. Wir nahmen unseren ersten Korb, liefen über das Gelände, verteilten Gurkenstücke. Unser Eindruck: Für den Moment – vormittags gegen 11, sicherlich vor der größten Hitze des Tages – war alles ruhig, die Versorgungslage dankenswerterweise gut (ich wiederhole „Beeindruckung“ Nummer 3). Die ehrenamtlich Helfenden (teils Berliner, teils offensichtlich auch Flüchtlinge, die mit anpackten), die inzwischen ein ganz gutes Kurzfrist-Nothilfesystem aufgebaut hatten („Beeindruckung“ Nummer 4), machten ihre Sache offensichtlich wirklich super. Die wartenden Menschen vor Ort wussten auch bereits, wo sie dementsprechend nunmehr zumindest für den Moment Wasser und Nahrung bekommen können – und niemand musste sich auf irgendwen stürzen, irgendjemand etwas wegnehmen o.ä. All das – ich wiederhole zum dritten Mal „Beeindruckung“ Nummer 3 – vor allem auch durch den Einsatz und die Hilfsbereitschaft vieler Menschen, die spontan vor Ort waren, um erforderliche Dinge abzugeben und/oder mit anzupacken. So fanden sich natürlich auch spontan unterstützende Hände, die die Wasserflaschen aus unserem und anderen Kofferäumen bis zur Sammelstelle schleppten; währenddessen fuhren weitere Menschen vor, die den Kofferraum voller Kisten mit Babynahrung, Keksen, Äpfeln hatten. Jedoch – „Beeindruckung“ Nummer 5 – einer der Helfer vor Ort erzählte uns: „Das ist wirklich toll heute. Die Situation hier ist aber im Prinzip schon seit Monaten so dramatisch. Und meine Hauptsorge ist, dass es am Wochenende und erst recht in der kommenden Woche wieder so schlimm ist wie vor der Hilfewelle gestern und heute.“

Das IST eine schlimme Sorge. Und bei aller menschlichen Hilfsbereitschaft der Berlinerinnen und Berliner, die ich schon aus Solidarität für unentbehrlich halte: Das ist vor allem eine politische Frage, die dringend und schnellstens geklärt werden muss. Die Erstversorgung der Menschen, die hier bei uns ankommen, von wo auch immer, warum auch immer, MUSS von offizieller Seite sichergestellt sein!, denn:

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. [Art. 1[1] GG]
Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. [Art. 2(2)S.1 GG]

Oder auch, wie es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte steht:

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen. [Art.1(1)]
Jeder hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu genießen. [Art.14 (1)]

Das Land Berlin und alle staatlichen Institutionen sind hier in der Verantwortung, umgehend schützend zu handeln.

Das Gelände vor dem LaGeSo, auf dem die Menschen campieren _müssen_, soll dem Tagesspiegel nach übrigens wohl heute Abend geräumt werden. „Das passiert jedes Wochenende, weil es ein Privatgelände ist, so ein Sprecher des Lageso.“

In Fragen der Asylpolitik habe ich vielleicht (sicherlich) eine radikalere Meinung als der deutsche Mainstream. Aber das hier kann doch wirklich niemanden mehr kalt lassen?! Unhaltbare Zustände „vor der Haustür“ in Berlin. Natürlich kann nicht alles „an einem Tag“ geklärt werden, aber zumindest eine grundlegende Erstversorgung und überdachte Schlafmöglichkeiten MÜSSEN einfach auch extrem kurzfristig möglich sein – und zwar von offizieller Stelle veranlasst. Mein Fazit heute: Ihr seht mich beeindruckt-erschüttert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *