Sport frei – nicht in meiner Turnhalle?! Gegen eine Petition.

In Berlin petitioniert es mal wieder. Denn, Zitat:

„Gemeint ist dabei die möglicherweise geplante Beschlagnahmung von Sportstätten des Sportforums Hohenschönhausens.
An diesem Olympiastützpunkt arbeiten Schule, Trainer und Sportler über Jahre hinweg Hand in Hand, um langfristig Erfolge zu erzielen. […]
Es kann nicht sein, dass etwas, das jahrelang von Vereinen, Trainern, Sportlern, Eltern mit großem physischen, psychischen, sozialen und auch finanziellen Engagement aufgebaut wurde, nun leidet oder sogar gänzlich kaputt gemacht wird. Das ist nicht mehr nur ein Einschnitt in den Freizeitbereich.“

WIE BITTE?!

Dröseln wir es mal schön auf: Es gibt seit Tagen, Wochen, Monaten das Problem der Unterbringung der Flüchtlinge. Turnhallen als Übergangsquartiere sind in vielen Stadtbezirken eine relativ einfach realisierbare Option – es gibt sanitäre Anlagen und Platz, nutzende Vereine können oftmals – auch, wenn das natürlich nicht schön ist! – ihre Aktivitäten anteilig ins Freie verlagern UND engagieren sich glücklicher- und dankenswerterweise zudem vielfach ehrenamtlich bei der Versorgung und Unterstützung der Menschen vor Ort. Ähnliches gilt für den allgemeinen Sportunterricht und für das Engagement der Schulkinder sowie ihrer Familien vor Ort – gerade gestern berichteten die LOGO!-Kindernachrichten (wenn auch nicht aus Berlin) über ein tolles von Schüler*innen auf die Beine gestelltes Sprach-Lern-Programm für die in ihrer Turnhalle untergebrachten Menschen.

Andererseits bedeuten solche Umnutzungen natürlich Einschnitte in den normalen Schul- und Alltagsablauf. Ja, auch ich frage mich (s.o.), warum es nicht viel mehr möglich ist, große, leer stehende Objekte nicht viel schneller und konsequenter zur Verfügung zu stellen, die ebenfalls für die akute Unterbringung von Flüchtlingen geeignet wären (was ja jetzt im Flughafen Tempelhof z.B. auch umgesetzt werden soll). Ich weiß um die Beispiele zur dezentralen Unterbringung in Wohnungen als wünschenswerteste und beste Möglichkeit für Integration und auch um die Debatte, wie schwer es ist, das kurzfristig z.B. auch durch Beschlagnahmungen praktisch umzusetzen.

Vor allem aber weiß ich: Es kommen jeden Tag neu hunderte bis tausende Menschen ohne Dach überm Kopf in Berlin an. Kurzfristige Lösungen – auch unbequeme! – MÜSSEN also her.

Natürlich sollen bei der Umwidmung und Eröffnung von Gebäuden für Flüchtlinge Organisationen, die dort bisher Dinge taten (z.B. Sportvereine) nach beseten Möglichkeiten einbezogen werden. Damit siez.B. ihre Materialien nicht wegräumen können, die vielleicht mit viel Einsatz beschafft wurden usw.
Dies ist anscheinend am letzten Freitag in einer Turnhalle des SZLB wirklich total schiefgelaufen – das ist natürlich frustrierend. Dennoch finde ich die Abwehrhaltung, die hier so ganz grundsätzlich zum Beispiel vom Landessportbund Berlin sowie offenbar von der Elternvertretung einer so genannten Sporteliteschule, dem Schul- und Leistungssportzentrum Berlin in Hohenschönhausen, eingenommen wird, schockierend:

Da sind Menschen in Berlin, deren Zuhause in Schutt und Asche liegen. Deren Angehörige vielleicht weggebombt, in Teile zerrissen, verschollen, im Meer ertrunken,… sind. Deren Kinder vielleicht noch keinen Lehrer im Unterricht, dafür aber Bombenhagel und Hunger erlebt haben. Die nach Europa geflüchtet sind, um nicht selbst als Teil eines menschenverachtenden Regimes andere Menschen töten zu müssen oder/und getötet zu werden. Und die jetzt in Berlin sind und ein Dach überm Kopf, eine Küche, ein Bad brauchen.

Und da ist eine Elternvertretung, die getreu der Not-in-my-backyard-Strategie der Politik gegenüber vor allem „die Auswirkungen für die 1.100 Eliteschüler thematisieren“ [Auszug aus einer E-Mail, s.u.] möchte?!

Das Schul- und Leistungssportzentrum Berlin (SLZB) beschreibt das eigene Leitbild unter anderem wie folgt: „Unser konsequentes Ziel ist es, jedem Schüler Selbständigkeit, Teamfähigkeit und die Fähigkeit zu Solidarität und Mitbestimmung zu vermitteln.“ Wann, wenn nicht jetzt böte sich – bei allem dazu gehörigen Schmerz – die Gelegenheit dazu, sich hier als Schule solidarisch statt einzelkämpferisch einzusetzen?!

Die Befürchtung des Landessportbundes Berlin wird in Zeitungsberichten (Bsp. Morgenpost, Bsp. Die Welt) deutlich: Es besteht u.a. die Sorge, dass dann Sportlerinnen und Sportler „abwandern“ könnten. Zu anderen Vereinen in anderen Städten, anderen Bundesstützpunkten. Wo die Sportförderung nicht der Solidarität zum Opfer fällt? Merkt ihr eigentlich noch was?!

Mir ist vollends bewusst, dass leistungssportliches Training nicht mit „normalem“ Sport und/oder Sportunterricht vergleichbar ist. Dass die Hallen des SLZB besondere Ausstattungsmerkmale haben sollen, dass das Training viel umfangreicher ist (täglich mehrere Stunden, ja, ich weiß das!) und dass es mindestens schwierig sein dürfte, den Trainingsablauf der Schüler*innen am SLZB ohne die entsprechende Ausstattung so komfortabel und effizient wie bisher zu gestalten.
Mir ist auch vollends bewusst, dass ohne Supertraining in Megahallen mit Spitzentrainern Extremleistungen bei den nächsten Nationen-Wettkämpfen weniger wahrscheinlich zu erringen sind. Aber darf „unsere Nation“ in dieser Weise „vorangebracht“ werden? Welche „hehren Werte“ sollen unsere Sportler*innen bei diesen Wettkämpfen denn vertreten? Wofür stehen? Was zeigen? (Ja, ich weiß: Dieses Fass ist noch mal ein gaaaanz anderes. Lassen wir das..)

Ich gönne den Sportler*innen wirklich ein Training unter bestmöglichen Bedingungen. Aber die Betonung liegt hier auf: bestMÖGLICHen. Und was möglich ist, was möglich sein kann und darf, muss doch auch und gerade Rücksicht auf die Umgebungssituation und politische Herausforderungen nehmen.

Der Leiter der Pölchau-Sportschule Berlin hat es in der WELT wunderbar auf den Punkt gebracht:

„Es ist, wie es ist. Den Menschen muss ja geholfen werden“, sagt Matthias Rösner. Um die notwendigen Sportstunden abzuhalten, wurde der Stundenplan umgeschrieben und die Unterrichtszeit verlängert, um die noch vorhandenen Hallenkapazitäten besser auszunutzen. „Wir arrangieren uns.“ Namensgeber der Schule sei schließlich der Widerstandskämpfer Harald Poelchau. „Der hat unter ganz anderen Bedingungen Hilfe geleistet.“

Ein derart klares Statement wünsche ich mir, bei allem Verständnis für den Wunsch nach Top-Trainingsbedingungen, auch von den Sportler*innen, Trainer*innen und Familien am Standort Sportforum. Und nicht den wütenden Aufruf eines Gesamtelternvertreters und weiterer Eltern zum Zeichnen einer Petition.
Stattdessen muss ich nachstehend eine E-Mail zitieren, die mich heute erreicht hat:

Betreff: situation sporthallen sportforum und petition

liebe eltern, liebe frau […] und herr […] ich möchte euch/sie hiermit über den aktuellen stand informieren. dazu eine mail des vorsitzenden der gev herrn matthes von gestern abend:

„Liebe Elternvertreter,
über das Wochenende haben sich viele Eltern mit mir Verbindung gesetzt,
weil sie wie Sie und ich äußerst besorgt sind über eine drohende der Hallen auf dem Gelände des Sportforums Berlin.
Ich habe mich mit einigen Eltern beraten und im Ergebnis Sonntag eine Brief mit Argumenten,
die gegen eine Beschlagnahme sprechen an die Schulleitung, die Verwaltung des Sportforums und den LSB, OSP und DOSB geschickt.
Am Montag wurde ich umgehend zur Regionalkonferenz eingeladen. Auf dieser Konferenz waren neben anderen Teilnehmern alle o.g. anwesend,
namentlich Dr. Neumes, Herr Krüger, Herr Schlizio und Dr. Bähr. Es wurden noch einmal die hochdramatischen Ereignisse vom Freitag,
als eine Beschlagnahme der Sporthallen unmittelbar bevorstand, zusammengefasst.
Alle haben an diesem Tag immense Anstrengungen unternommen, um die Beschlagnahme zu verhindern.
Wir haben über eine Stunden über die Situation am Sportforum gesprochen und ich habe unsere Sorgen und Ängste als Eltern und auch unsere Erwartungen vortragen können.
Die Schulleitung, die Verwaltung des Sportforums, der LSB, OSP und der DOSB sind mit uns in einem Boot.
Allerdings war die Kommunikation der Politik mit den Verbänden Ende letzter Woche noch sehr schlecht, bzw. gar nicht existent.
Das konnten Sie in den letzten Tagen auch aus den Berichten in der Presse und Erklärungen von Sportverbänden entnehmen.
Momentan sind der LSB, OSP und DOSP sowie die Verwaltung des Sportforums damit beschäftigt,
die politisch Verantwortlichen davon zu überzeugen, die Sporthallen auf dem Sportforum nicht zu beschlagnahmen.
Das gestaltet sich sehr schwer und ist ein täglicher Kampf.
Montagabend waren die Vertreter des OSP und des LSB beim Senat und dort waren sich alle einig,
dass der Sport mit der Belegung der Hallen am dem Horst-Korber-Sportzentrum mit Flüchtlingen einen großen Beitrag geleistet hat.
Weitere Umwidmungen von großen Sportstätten würden den Leistungssport in Berlin grundsätzlich in Frage stellen.
LSB und OSP habe sich darauf verständigt, gemeinsam politische Vertreter konkret auf die Folgen weiterer Einschränkungen bei den Sportanlagen hinweisen.
Dabei werden sie auch die Auswirkungen für die 1.100 Eliteschüler thematisieren.
Mit freundlichen Grüßen
M.-A. Matthes
Gesamtelternsprecher“

am montag, den 21.9.15 findet eine sondersitzung der gev statt, an der ich teilnehmen werde. so kann ich euch/sie am dienstag über den aktuellen stand informieren.
eltern aus der 3. klasse haben eine petition „gegen die beschlagnahmung von sportstätten“ ins leben gerufen. es wäre schön wenn ihr/sie diese mitzeichnet und/oder weiterleitet.
http://www.thepetitionsite.com/de-de/387/598/913/gegen-die-beschlagnahmung-von-sportst%C3%A4tten-im-sportforum-hohensch%C3%B6nhausen/

viele grüße
und noch eine schöne restwoche
wünscht
[…]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *