Skurriles Theater im Abendrot

Da war ich nun also bei dieser Theaterpremiere. Hatte mich vorher belesen, drüber gebloggt – und wusste doch nicht wirklich, was mich erwarten würde. Ein multilinguales Interaktionstheater? Bewegung im Park? Verschiedene jahrhundertealte Texte, miteinander verkreuzt? Zunächst einmal erwartete mich, einen kleinen, schwarz gekleideten Kamerapunkt im bewegten Görlitzer Park, nichts und niemand. Massen von Menschen ließen mich untergehen in einer Welle von Skurrilitäten: Den Theaterausgangspunkt suchend, sah ich mich zunächst zusammenhanglos konfrontiert mit dem eigenartigen Tanz eines zwei Meter großen, flauschigen gelben Bummi-Plüschbärs und einer menschenhohen Aufziehpuppe, die fortwährend gegen einen Mülleimer lief, umgeben von Fahrräder schiebenden Menschen und Kindern mit Bällen, die sie wieder und wieder in zum Glück noch nicht angezündete Grille schossen. Irritiert-überfordert bewegte ich mich vorsichtig durch diese offenbar ortsüblichen Installationen von A nach B und wieder zurück und traf endlich, mit etwa fünfzehnminütiger Verspätung und einem Tross ebenfalls die Shakespeare-Aufführung suchender Menschen – man hatte mir mein Ziel offenbar angesehen, sodass ich kleiner, ahnungsloser Punkt zu einem Magnet für Mitsuchende wurde – am rückseitigen Parkende ein. Mich erwarteten eine Wiese, eine breite Metallrutsche, in Tischdecken und Webpelzreste gewandete Menschen und eine Mauer aus Publikum, die ich recht problemlos durchdringen konnte für einen Platz in der ersten Rasenreihe.
Die Menschen vor mir sangen und riefen schon zur ersten Revolution des Abends. Vermutlich wäre ihnen, Interaktionstheater in Publikums Ohr, daran gelegen gewesen, diese ihre Darsteller-Revolutionsgesänge aus dem Rasenoff widerhallen zu hören. Jedoch – das Publikum saß vorerst noch eher in- statt interaktiv da, beobachtete das noch etwas unklare Geschehen, trank aus mitgebrachten Thermoskannen eisgekühlte Getränke und ließ sich schließlich persönlich auffordern zum ersten Umzug: Decken einpacken! Wohnt der Entthronung des Königs bei!

Nach einigen Irrungen, Wirrungen, dem Entrollen eines utopischen Manifests am Haltebogen einer breiten Rutsche und dem familiär erzwungenen Abgang einer Elterngruppe mit mehreren kleinen Kindern („Mama! Hause!“ „Schhhh…“ „Papa! Das nicht lustig!“ „Nur noch ein bisschen, ja?“ „Aua, Leee-naa!“ „Schschhh..“ „Hause! HAU-SE!!“…) zog das Ensemble aus Compagnie und Publikum weiter, durch den Park, die Königin entkrönte sich, die Compagnie entblößte sich bis auf die mittelalterliche Wäsche (dieser kleine Moment des publikumsseitigen Entsetzens: Wie weit ziehen die sich jetzt NOCH aus? Und: Interaktiv??!! Heißt das,…?! Weit aufgerissene Augen und schließlich dieses fast kollektive Aufatmen), zog weiter bis auf eine große Rasenfläche, wo – vielleicht für den zeitlichen Rahmen etwas zu ausufernd, aber doch auch eindringlich – getanzt, gefeiert und gespielt gehurt wurde. Die Nonne Der Kardinal, Hüterin der Moral (habe mich berichtigen lassen müssen…), trieb es am wildesten, und wurde aus ihrer seiner Unehrlichkeit heraus versklavt – eine starke Szene, die das zwischendurch doch recht gesprächige Publikum wieder einzufangen in der Lage war und so auch erstaunlich umfangreich zum nächsten Umzug bewegen konnte.

Wer nun noch dabei war – und es waren viele, fast zu viele für einige der noch folgenden Spielorte des Abends – blieb bis zum Schluss, denn die Geschichte spitzte sich ab diesem Zeitpunkt von Szene zu Szene mehr zu, wurde eindrücklicher und prägender. Spätestens beim zum Folterinstrument grandios uminszenierten Reifenschaukelplatz waren die Zuschauenden wirklich Teil der dargestellten Geschichte, verstanden die Bilder, brauchten nicht mehr Minuten, um die Orte und das Spiel miteinander zu einem sinnvollen Etwas zu übersetzen. Beklemmender dann insofern auch die Stimmung so manches Publikumsgasts, als der eindrücklich summsingende Schauspielerchor den Parkberg hinauf zur Verurteilung und mittelalterlichen Hinrichtung schritt. Wer mitging, wurde unweigerlich Dorf, Stadt, Gaffer; Szenenapplaus fühlte sich da fast schwierig an, fast wahr, zu nah – gruselig damit die inszenierte Nonnen-Hexen-Verbrennung am höchsten Punkt des Parks im perfekten Abendrot, das hinrichtende Rutschendoppelgesterbe am Schlussplatz und schließlich die Auferstehung der musicalsingenden Toten vorm finalen Applaus.

Meinem Empfinden nach hatte das Stück mittig durchaus einige Längen, dennoch bin ich froh, bis zum Schluss durchgehalten zu haben entgegen diesem zwischenzeitlichen Impuls, doch lieber dem üblichen Parktreiben, verrückt genug, zuzusehen. Jedoch, die schauspielerische Leistung der Compagnie besonders in den Szenen im letzten Drittel entlohnte meine Geduld. Und ich bin sicher: Bei der Dichte des Stoffes, den vielen subtilen Skurrilitäten der Darstellung, den immer wieder neuen Einflüssen aus Publikum und Umgebung – bei der Premiere spielte plötzlich ein Dalmatiner eine freiwillig-unfreiwillige Nebenrolle und erhielt dafür durchaus einigen Szenenapplaus – würde ich auch bei den noch folgenden Vorstellungen immer wieder Neues entdecken. Wer also noch nicht sicher ist, die Handlung wirklich verstanden zu haben, oder wer noch gar nicht dabei war, kann dies nachholen, denn es wird noch einige Aufführungen geben: 2., 4., 5., 8., 10., 12., 16., 18. + 19. August 2012 jeweils 19 Uhr, sonntags 16 Uhr im Görlitzer Park (auf der Seite, wo die Rutschenspielplätze sind und die Wagenburg).

Ach, und wer mehr Fotos sehen möchte: Schaut doch mal in meinen Flickr-Account, ich habe ein ganzes Album zu diesem Freilufttheaterevent angelegt.

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