SCHEISSE im Wohlstandskiez. Ein Rant.

Nebenan in den Spielzimmerhochbetten liegen gerade zwei Kinder, die lange nicht einschlafen konnten heute. Weil sie über Reichtum und Armut nachdachten, über Teilen und Nichtteilen, über Helfen und Nichthelfen, über Kindsein und Erwachsenensein und über diese Welt. Und hier, an diesem Rechner, sitze ich. Die Frau, die sich noch immer nicht beruhigt hat nach diesem Tag, der einfach zu viel war. Nach diesem Tag, in dem sie vielleicht eine Spur zu laut in der Tram verkündete, dass „ihr“ (die Kinder) so nicht aufwachsen sollt“, und dass diese „SCHEISS Wohlstands-Wir-Teilen-Nicht-Mentalität nicht das ist, was ich euch mit auf den Weg geben will für euer Leben!“. Empörte Blicke anderer Fahrgäste. Hat sie eben wirklich SCHEISSE vor den Kindern gesagt?! Steigerung galore. Aber von vorn.

Heute im Florakiez: ein Straßenfest. Überall Menschen mit Kindern. Viel selbstgenähter Nippes für hochwertige Preise, etliche neue Cafés mit ach so angesagter alkoholfreier Melonen-Minz-Bowle und Bio-Eiskugeln in allen Farben, gute Laune allerorten. Schön, wirklich, ich freue mich durchaus über dieses freundliche Miteinander. Eigenartig nur: Was jedenfalls mir fehlt, ist wenigstens zwischendurch mal irgendeine Art von wohltätiger Dingsda. Warum sehe ich hier eigentlich niemanden, derdiedas für irgendeine Einrichtung in der Nähe oder Ferne sammelt?, rätsele ich. Warum gibt es kein Café in der Straße, welches seine Tageserlöse dieses Partymeilentages der im Kiez(!!) gelegenen Suppenküche spendet, nur mal als Beispiel? Diese Gedanken trüben meine Straßenfestlaune, denn sie erscheint mir sowieso durchaus immer weniger erträglich, diese gefühlte Kommerzkiezfreundlichkeit in meinem sich angeblich ach so freundlich umstrukturierenden Kiez, in dem ich seit nunmehr über 14 Jahren wohne. Wie auch immer. Ich drehe weiter meine Straßenfestrunde und verteile Flyer an alle anwesenden Bildungseinrichtungen – nachmittagssprachschulen, Sportvereine, .. – Flyer für die U18-Wahlen. Später fragen mich meine Kinder, wie ich es denn fände, dieses Straßenfest. Ich antworte salomonisch mit „Und ihr?“

Abends. Wir haben einen Anlass zu feiern. Die Kinder sind eigentlich schon durch und durch müde, aber manchmal ist das eben so. Wir wählen ein Kurzziel, Prenzlauer Berg, Helmholtz-Kiez, Spielplatz an Restaurants. Gesucht, gefunden. Bei einem mexikanischen Restaurant ist ein Ecktisch draußen frei. Der einzige, Zufall, die anderen Tische sind reserviert, wir haben wohl wirklich Glück gehabt. Super also, wir freuen uns. Sitzen, wählen aus. Ein Musiker kommt vorbei, stellt sich nahebei auf, spielt Gitarre. Musikalische Untermalung der Essensbestellung an in der Umgebung vielfältig geparkten Teuerfahrrädern und Niegelnagelneuwagen mit und ohne Verdecks, zwischen Leuten, die ihren Restauranttisch unbekümmert lachend ebenso voll bestellt haben wie wir. Unsere Kinder wollen zum Spielplatz, legen auf dem Weg noch etwas Geld in den Hut des Gitarristen. Er nickt kurz, spielt weiter. Alles schön.

Als der Musiker irgendwann geht, verabschiedet er sich persönlich. Nur von uns. Ich bin irritiert. Irgendwann begreife ich: Wir sind offenkundig die einzigen, die ihm etwas gegeben haben.

Unwirklich, falsch, beschämend. Denn wir waren heute in einer Gegend, die einerseits zu den ausdrücklich wohlhabenderen Kiezen unserer Umgebung gehören dürfte, andererseits – und das hat mich wohl vor allem anderen so schockiert – zu den angeblich „politisch korrekteren“, „engagierteren“, „sozial bewussteren“. LOHA-Viertel. Eine konsumfreundliche Gegend also, in der sich aber bei allem Konsum die ausführenden Menschen angeblich Gedanken machen um die Welt, und deshalb versuchen, vielleicht eine Spur „bewusster“ zu agieren. Das würde ich mir durchaus auch selbst zuschreiben, wissend, dass solches Handeln deutliche Grenzen hat, aber dennoch weiter hoffend, dass sich die Welt so vielleicht doch ein bisschen verbessern (oder zumindest nicht noch weiter verschlechtern) lässt. Umso mehr entsetzte mich, was ich heute erlebte.

Ja, da war Platz für doll szenige Lädchen, für Kneipchen und Ökowein und für einen echt tollen Spielplatz mit wirklich schön sauberem Sand, und offenbar war da auch Geld für ehrenwerterweise anwohnerinitiierte Hundekackmüllbeutelspender. Aufgrund der Parkraumbewirtschaftung gab es zudem genug Platz für die offen geparkten Cabrios, für flanierende Leute in allen möglichen ach so tolerierten Outfits von Trash bis Chic und für Sprachen von Berlin bis Babylon. Aber der Geldbeutel musste wohl allseits stimmen. Und wurde tatsächlich am Ende von niemandem geöffnet für die, die im umgebenden Samstagsabends-Ausgehjuchhei darum baten. Konsumieren, ja; dabei teilen, nein. Nicht mal ein bisschen. Nicht mal im Reichtum. Keinesfalls im Restaurant. Darauf Prosecco, Hugo, Rotwein, oder was die Hipster heute halt so trinken. Und jetzt bitte weitergehen, ihr uns beschämenden Bettler, Straßenmusikanten, Penner, denn hier gibt es nichts zu sehen. Ksch, ksch!

Wir blieben in der gesamten Restaurantzeit die _einzigen_ von unserem Ecktisch(!!) aus für uns sichtbaren Menschen, die ihr Glück, dort sitzen und auch noch einen KiBa und ein Glas Wein mehr bestellen zu können, teilten. Auch mit dem dritten Musiker – weil wir es können, wenn wir für 60 oder 70 oder meinetwegen auch für noch mehr Euro ins Restaurant gehen. Weil es in einer Situation, in der ich für nicht klar abgezirkeltes Budget in einem Restaurant sitze, mehr als beschämend ist, einer um Teilhabe bittenden Person ignorant den Hinterkopf zuzudrehen oder den Kopf zu schütteln, ohne ihr nur in die Augen zu schauen. Weil ich mir lieber einen Kaffee weniger bestelle, als nicht zu teilen mit denen, die mich fragen. Ich erinnere an den Ort der Handlung: ein angeblich ach so politisch korrekter Wohlstandskiez. Beschämend ist kein Wort dafür.

Versteht mich nicht falsch: Unsere paar geteilten Euro machen mich, uns keinesfalls zu besseren Menschen, zu Samaritern gar oder Aussteigern. Natürlich könnten wir, könnte ich weitaus mehr tun, Steigerung geht immer. Vielleicht haben wir es ganz falsch angefangen, wir waren ja auch in Konsumlaune, in der Absicht, einen schönen Samstagabend bei gutem Essen zu verleben. Aber dabei fiele es jedenfalls mir nicht einmal im Traum ein, meine Umwelt DERART arrogant-ignorant auszublenden. So etwas habe ich in der Form lange nicht mehr erlebt. Vielleicht gehe ich einfach zu selten aus im Prenzlauer Berg, und hänge zu selten, besagte Vorstufe, in Gentrifizierungskiezstraßenfesten meiner selbstgewählten Wohnumgebung ab vorher.

Woran auch immer es liegt, ja, ich habe dann heute in der Tram SCHEISSE gesagt, bei der frustrierten Abendauswertung. Ich habe meinen Kindern gesagt, dass Reichtum und Geld hinterhältig sind, denn sie fühlen sich vermutlich niemals groß genug an. Vor allem habe ich ihnen gesagt, dass sie reich sind, solange sie teilen können, und dass das, was sie heute erlebt haben, nicht Normalität sein darf meiner Meinung nach. Ich habe es nur zu spät gesagt. Es hätte nicht in die Tram gehört, sondern auf den Bürgersteig. An den Ecktisch vom Restaurant. Aber vielleicht war ich auch einfach total falsch da.

Ja, ich werde mich wohl weiter und weiter und weiter fragen, ob es ein richtiges Leben im falschen geben kann. Und dabei aber jedenfalls fühlen, dass manches Handeln auch im falschen Leben noch falsch ist, falsch sein muss. Auch im Prenzlauer Berg und in Pankow. Ich bleibe dabei, ich werde es weiter sagen, wenigstens das: SCHEISSE aber auch!

4 Gedanken zu „SCHEISSE im Wohlstandskiez. Ein Rant.“

  1. Liebe Manu, so sehr ich dir in der Beobachtung des Aufeinanderprallens von Reichtum und Gerade-mal-so-zurechtkommen zustimme: Ist das nicht alles doch ein klein wenig selbstgerecht? Es klingt zwar an einer Stelle deines Posts an, aber ich würde da noch etwas weiter gehen: Du empfindest den Reichtum der anderen, der ja auch nur ein bisschen größer ist als deiner, als obszön – nicht aber deinen eigenen. Im Prenzlauer Berg mit Kindern essen gehen – okay, Cabrio fahren – pervers. KiBa – in Ordnung, Melonen-Minz-Bowle – frivol. Die Wohltätigkeit der anderen ist zu wenig – deine ist gerade ausreichend. Die anderen sind total arrogant, du bist ja nur ein ganz kleines bisschen arrogant. Die anderen sind blind für die Ungerechtigkeit und die Armut, du dagegen sagst sogar „Scheiße“ in der Straßenbahn! Kurz gefasst: Du hast im Prinzip alles richtig gemacht, die anderen sind Scheiße. Du verlangst von den anderen, dass sie genau so sind wie du – ein bisschen wohlhabend ist okay, aber nicht Cabrio-wohlhabend. Sie sollen auch ein bisschen wohltätig sein und dem Straßenmusiker etwas Geld geben (mehr verlangst du nicht – denn das ist genau das, was du bereit bist zu tun).
    So gut es ist, dass du deine Kinder aufmerksam machst auf die großen und kleinen Ungerechtigkeiten: Wenn du ihnen nur beibringst, dass die anderen widerliche Geizhälse und Raffzähne sind, ihr dagegen genau richtig, haben sie noch nicht allzuviel gelernt. Kritisch Denken muss man vor allem bei sich selbst anfangen. Damit meine ich nicht, dass du etwas falsch gemacht hast, zu wenig gegeben hast. Ich meine, dass sich über andere aufzuregen, ohne sich selbst ernsthaft zu reflektieren, die Welt auch nicht verbessert.

    1. Oh, ich würde da noch viel weiter gehen. Ich schließe mich in die geschilderte Szenerie durchaus völlig ein. Ich sehe diesen großen Widerspruch sehr wohl auch in meinem Leben, und ja, am Ende bleibt dies vielleicht auch immer unauflösbar ohne radikalere Schritte, egal, ob ich die gehe oder andere. Vielleicht, wahrscheinlich sogar, bin ich mit meinem kritischen Versuch, viele Dinge selbst zu machen oder gebraucht zu kaufen, nicht radikal genug. Ja, meine kleinen Versuche und Projekte mit Kinder und Jugendarbeitsprojekten etc. verändern definitiv die Welt nicht ausreichend. Wie geschrieben: Ja, ja und ja, auch ich lebe ein kapitalistisch motiviertes Wohlstandsleben und revolutioniere so sicherlich nicht die Welt.
      Das ist mir bewusst, und manchmal zerreißt es mich fast, aber wem nützt das nun wieder…

      Was mich gestern so schockierte, war, dass schon solche Überlegungen scheinbar völlig außerhalb des jeweils vor Ort möglichen Horizonts lagen. Ein unglaublich pseudofreundliches Desinteresseklima war da zu spüren, oder vielleicht auch einfach nichts. Vielleicht kann ich nicht so gut weggucken wie die anderen und bin nur neidisch darauf, wie gut die restlichen Tischmenschen stattdessen den Kopf in ihren Gesprächen lassen und Umgebungsarmut ausblenden konnten? Vielleicht finde ich es ganz toll und ausreichend, so zu sein, so zu handeln, wie ich es tue? Alles falsch. Die Widersprüche des eigenen Handelns, die Grenzen und das Nicht-Weit-Genug-Gehen, die Frage nach dem Raum von Teilen sind hier Familienthema.
      Ich glaube, ich kann jede Kritik an meinem Lebenswandel annehmen, außer der, dass im Hause @manubloggt die Reichweite des eigenen Handelns zu wenig reflektiert würde. Vielleicht ist es manchmal eher zu viel.

      Aber vielleicht liest sich das aus dem Blogbeitrag oben anders heraus. Das war nicht meine Intention.

    2. Ach, und noch ein PS: Wen meinst du mit „Aufeinanderprallen von Reichtum und Gerademalso-Zurechtkommen“? Ich für meinen Teil empfinde mich als reich, egal, wo der Maßstab anderer liegen mag. Was ich habe oder nicht, entscheide ich ziemlich selbstbestimmt, im Gegensatz zu vielen anderen Menschen. Ich bin reich. Ich kann teilen und selbst entscheiden.

      Mir ging es sowas von nicht darum, mir heimlich ein anderes, wohlhabenderes?! Leben für mich zu wünschen, mein Lebensstil ist zu meinem großen persönlichen Luxus durchaus sehr bewusst selbst gewählt. Ich fühle MICH keineswegs benachteiligt. Solltest du das heraus gelesen haben, wäre das fatal für meinen Blogpost..

  2. Ja, das verstehe ich. Und ich sehe auch, dass das Nachdenken über die eigenen Möglichkeiten sich immer wieder im Kreis dreht, auch bei mir. (Aber es las sich tatsächlich ein bisschen anders.)

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