Posaunenengel

Neulich in der U-Bahn in den Untiefen des schönen Berlin: Auf einer Bank vier Lausebengel, zwei Größere, geschätzt etwa acht oder neun Jahre, die anderen beiden vielleicht geradeso sechs Jahre alt: Eben erst eingestiegen, um die Plätze gedrängelt, nun nebeneinander sitzend, quasselnd, quietschend, mit noch rot gefrorenen Nasen vom Warten auf dem U-Bahnhof. Die Begleitmama (sind vermutlich nicht alle vier ihre Jungs, aber wer weiß das schon) mahnt chancenlos zur Ruhe.
Nächster Halt: Türen öffnen, aussteigen, einsteigen. Ein großer, alter Mann in dunklem, schlichtem Wollfilzmantel kommt herein, setzt sich den Bengeln gegenüber auf einen soeben frei gewordenen Platz. Ächzt, schiebt seine schwere Reisetasche aus festem Köperstoff umständlich zwischen seinen Beinen zurecht. Zieht seine Pelzmütze und seine erdbraunen Wildlederhandschuhe aus, fährt sich mit einer Hand durch den vollen, grauen Bart. Schaut würdevoll auf, genau auf die ihm gegenüberliegende Bank.

Vier Münder stehen offen. Bleiben stumm. Klappen einer nach dem anderen langsam zu. Gebannte Blicke. Der alte Mann hält stand.

Stille. Die Welt scheint den Atem anzuhalten, mindestens über zwei Stationen. Unbewegt.

Dann steht er auf, der Herr, zieht seine große Tasche wieder über die Schulter. Blickt den vier Posaunenengeln auf der U-Bahn-Bank noch einmal blinzelnd in die Augen, bevor er sich der Tür zudreht. Ein Knopfdruck.

Kurz, bevor er in den Weiten des U-Bahnhofs verschwindet, dreht er sich noch einmal um. Blickt zurück durch die Scheibe, in den anziehenden Waggon. Und winkt. Weihnachtsmagie.

2 Gedanken zu „Posaunenengel“

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