Pariser Verhältnisse

Irgendwer tut es immer. Ob „le métro“, „le RER“, die Straßenkehrer, die Müllfahrer oder das Lehrpersonal – in Paris, so jedenfalls das Klischee, ist Streik ein Grundzustand. Und wenn ausnahmsweise einmal wirklich nicht gestreikt wird, dann wird jedenfalls garantiert irgendwo die halbe Stadt mit einer großen „manif’“ lahm gelegt.Die deutsch-französische Achse scheint derzeit wieder im Aufwind, jedenfalls, wenn man die aktuellen Zustände in der Bundeshauptstadt betrachtet: Da legt die BVG im März auf einmal den öffentlichen Nahverkehr mehr oder weniger komplett lahm, die S-Bahn ist sich nicht ganz sicher, ob sie mitmachen soll oder nicht. Nun droht Verdi gar mit Dauerstreik. Die Polizei streikt, Kitas bleiben zu, heute bestreikt außerdem zur Abwechslung die BVG mal nur die Tram-Linien in der Stadt. Natürlich ohne, dass dies am Vortag angekündigt worden wäre – im Tagesspiegel, dessen Redaktionsschluss offensichtlich vor drei Uhr nachts liegt, heißt es noch: „Da die Verhandlungen aber nicht abgebrochen sind, gilt die Friedenspflicht.“ Trotzdem ging heute früh –zumindest in dieser Hinsicht- nichts mehr. Alles klar!

Wahrscheinlich ist alles ganz einfach mit Traditionen zu erklären: Nicht nur Paris pflegt seine Tradition der Revolution, die deutsche Hauptstadt kann das auch: Hier ist schließlich sogar einmal eine Mauer gefallen. Also: Allons, enfants, de la patrie!Ich hätte fast Lust eine Statistik zu den Streiktagen in Paris und Berlin seit, sagen wir einmal, Herbst 2007 zu erstellen – und bin völlig ahnungslos, wer letztlich das Rennen machen würde.

Rennen jedenfalls ist in der aktuellen Situation ein recht probates Mittel. Nach dem Halbmarathon in Berlin vom letzten Wochenende sind viele ja noch im Training, und alle anderen dürfen es jetzt einfach mal probieren: Packen wir doch in fatalistisch-französischer Manier die Zickenpumps in die Handtasche, schnallen die Laufschuhe an die Füße, und ab geht es zur Joggingtour ins Büro. Aus gesundheitlicher Sicht jedenfalls ist dieser Perspektivwechsel sicher nicht ganz verkehrt, und wenn man das Glück hat und einen der Weg dann auch noch über eine der vielen romantischen Brücken der Seine – äh, nein, natürlich der Spree – führt, dann dürfte man fast schon in Urlaubsstimmung kommen und sollte sich freuen oder vielleicht sogar dankbar sein für die Annäherung der großen Hauptstädte in Sachen Streik.
Paris, Berlin, was macht das schon? Ist doch letztlich alles eine Frage der Perspektive!

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