Letztes Mal – 1000 Tode#149

Anlässlich der Leipziger Buchmesse (fast vergessen) zu verbloggen: #1000Tode, ein unglaublich interessantes, berührendes, aufwühlendes,… Buchprojekt des kleinen feinen Frohmann Verlags:

Die Idee war und ist, in Form von tausend kurzen Texten tausend höchst subjektive Ansichten auf den Tod zu versammeln, damit diese zusammenwirkend einen transpersonalen Metatext über den Tod schreiben, aus dem wiederum ein plausibles Bild dessen entsteht, wie der Tod in der heutigen Gesellschaft wahrgenommen wird, welche Realität er hat, wie und was er ist.

Solltet ihr euch wirklich mal ‚reinlesen. Wenn ihr mögt, fangt doch mit meinem Beitrag dazu an, in den #1000Toden erschienen mit dem Nicht-Titel Nr. 149, von mir verfasst als: Letztes Mal. Hier im Blog frei zu lesen.LETZTES MAL
Manuela Schauerhammer

Dunkel war es. Leise, wie im Traum, berührte er mit seinen über die Jahre ungelenk gewordenen Fingern die ihren. So zart, als würde seine Hand nur über ihre Haut schweben, alterslos und federleicht. Wie bei ihrer ersten Begegnung, er war gerade einundzwanzig geworden und im Heimaturlaub. Silvester in Berlin, unendliche Kälte – das Thermometer hatte selbst mittags noch gut zehn Grad unter Null gezeigt. Und ihm war doch so warm geworden während der kleinen, spärlichen Feier bei seinem Schulfreund Siggi – denn da saß sie, eine Freundin von Siggis Schwester. Fast schwarze, verschlungene Haare, die hinten am Kopf festgesteckt waren, rehbraune Augen und eine blutrote Kette um den Hals geschlungen. Märchengleich, schön wie Ebenholz.

Er schluckte.

Genau wie damals schob er vorsichtig, fast heimlich seine Finger unter ihre, streichelte sie sanft, hielt sogleich inne. Ruhig. Sie hatte die Hand nicht weggezogen, sondern ihre Finger ein Stück weit geöffnet, ganz leicht gespreizt, sodass er die seinen zwischen den ihren hindurchschieben konnte. Damals. Er wollte sie festhalten, sein Glück festhalten. Dieses unglaubliche Glück in der unermesslichen Kälte.

Die Tränen schluckte er herunter, ihrer Stärke zuliebe. Wie oft hatte sie doch so tapfer auf ihn verzichtet. Zur eigenen Hochzeit musste er sie allein lassen, nur ein Stahlhelm vertrat ihn vor dem Standesamt, und vielleicht der winzige Funken in ihr, der schon von ihrer Liebe glühte. Die Geburt des ersten Kindes meisterte sie dann auch ohne ihn, und ebenso den schlimmen Gang in die kalte Nacht, als das Kleine es nicht geschafft hatte.

Wie froh waren sie, als sie endlich wenigstens sicher sein konnten, einander zu haben, am Stück und halbwegs unbeschadet, trotz allem. Zusammen, nie mehr allein, bis ans Ende ihrer Tage. Keine einzige Nacht hatten sie seitdem mehr freiwillig ohne einander verbracht, und die wenigen, die dennoch unvermeidlich waren – ihre Krankenhausaufenthalte zur Geburt der vier später Geborenen, irgendwann einmal seine Operation am Blinddarm und noch viel später ein arthritisches Knie – sie waren eine Qual gewesen. Und jedes Mal wieder hatten sie sich danach erleichtert und glücklich in die Arme geschlossen, die Hände verschränkt. Vereint.

Über die Jahre war die Haut an ihren Händen trockener geworden. Faltiger auch, und Handrücken wie Fingerknöchel waren an einigen Stellen von sich dunkler abzeichnenden Pigmentflecken bedeckt. Wie hatte sie gelacht, als er damals glaubte, sie würde nun auch an den Händen Sommersprossen bekommen. „Altersflecken!“, hatte sie ihm unbekümmert zugerufen, und im Laufe der Jahre waren hier und da noch einige dazugekommen. Er liebte jeden einzelnen von ihnen, alle ihrer kleinen Veränderungen über die Zeit.
Ihrer gemeinsamen Zeit, unendlich.

Das gleichmütige Ticken der Wanduhr tönte wie Donnerschläge durch die geöffnete Zimmertür. Schon fast acht Uhr, durchfuhr es ihn. Es wurde schon hell draußen, oder grau, das beschrieb es wohl besser, und gleich würde es an der Tür klingeln. Er machte sich bereit.

Von der Wand lächelte sie ihn von dem nachträglich angefertigten Hochzeitsfoto an. Wenigstens dieses Foto, darauf hatte er bestanden, und es hatte sie all die Jahre begleitet.

Wie wunderhübsch sie aussah. Ein himmlisches Bild.

Es schellte.

Er schloss die Augen, drückte ihre welke Hand, wartete noch einen Augenblick, bevor er die Tür öffnen konnte.

Ein letztes Mal.

Dürfen wir bitte …?

Es muss wohl jetzt sein.

Ja. – Es tut uns sehr leid.

Nun würde er also verzichten müssen. Und sie wieder einmal auf ihn warten. Oh,
wie er hoffte, dass es einen Ort gäbe, an dem sie auf ihn wartete.

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