Kinder und Technik? Ja. Ausdrücklich!

In einer der letzten hartaberfair-Sendungen versammelte Frank Plasberg eine Runde illustrer Experten für Kinder- und Jugendgedöns in seinem Studio. Diese redeten ununterbrochen von den Gefahren des Netzes und der wilden Technik für Kinder, plädierten (namentlich der mir eh in vielem sehr ferne Michael Winterhoff) dafür, Kinder möglichst lange von Internet, Social Media etc. fernzuhalten, und zeigten sich unendlich lebensfern. Einzig Oliver Pocher (eingeladen in seiner Qualifikation als – zumindest in dieser Runde – Fast-Noch-Jugendlicher? Oder als junger Vater mit I-Phone?), der zaghaft lächelnd versuchte, gegen die anderen mit dem Argument „Weltfremdheit“ anzugehen, konnte kurzzeitig bei mir punkten (ein zweites Mal dann, als er etwas trotzig auf die Abschlussrunden-Personenfrage mit „Ich hab ADHS und muss hier raus“ antwortete). Aber ein Gedanke lässt mich seit dieser Sendung eigentlich nicht mehr los:

Wo seid ihr denn, ihr Eltern der sagenumwobenen „Generation Internet“??!! Warum sagt denn keiner mal was gegen diese ständigen Aufrufe zu Kinder-Technik-Verboten?!

Dann eben ich.Okay, ich bekam meinen ersten Rechner erst mit elf, das ist im Vergleich zu manchen meiner heutigen Bekannten, die heute großartige Dinge mit Computern tun und damit teilweise regelrecht die Welt verändert haben, wohl vergleichsweise spät. Und ich habe sicherlich im Vergleich zu vielen anderen da draußen mit diesem Amiga 500 „mit Speichererweiterung!“ nur relativ wenig angefangen, nämlich hauptsächlich Giana Sisters und Blockout gespielt, Gedichte und Kurzgeschichten darauf geschrieben und meine Hausaufgaben mit Excel ausgerechnet. Mit 16, 17 war ich nicht nur an der Produktion lustiger am Heim-PC entworfener Schülerzeitungen, sondern auch an der Verursachung wirklich exorbitanter Telefonrechnungen via Modem beteiligt, lebte mit 18, 20 nach Erhalt ähnlicher Rechnungen ab und an unfreiwillig ohne Internet und Telefon, und sogar auch mal kurzzeitig ohne Strom. (Und nein, meine Kinder sind nicht in solchen Zwangsentnetzungs-Situationen entstanden, sondern nichtsdestotrotz ganz freiwillig).

Meine Kinder (5 und 8) sitzen gerne neben uns im Arbeitszimmer an nem Computer und surfen ein bisschen oder bauen sich selbst Comics aus Bilderschnipseln. Sie schauen Fernsehen via Mediathek, der Große schlägt Dinge, die ihn interessieren, selbstverständlich unter anderem bei Wikipedia nach und surft mit einem anderen Browser als ich, weil er „Guhgl Schromme“ besser findet als Mozilla, und die Kleine lernt auf Kinder-Internetseiten gerade lesen. Sie finden es superspannend, mit Technik zu experimentieren, aus alten Festplatten lustige Dinge zu basteln und haben aus praktischer Erfahrung kapiert, auf welchen Materialien eine optische Maus gut funktioniert und auf welchen nicht. Sie wissen, was ein MP3-Player ist und ja, sie sitzen manchmal auch länger als ne Stunde vorm Rechner oder Fernseher. Sie dürfen Dinge tun, wenn diese sie interessieren; wenn wir diese für heikel halten, besprechen wir dies gemeinsam und wägen gemeinsam ab. Wir haben bewusst keine Sperrinfrastruktur installiert, sondern bevorzugen es, unsere Kinder begleitet ausprobieren zu lassen.

Ich halte es für völlig falsch, ja: für ABSURD, Kinder und Jugendliche möglichst lange vom Computer (und Derivaten) weg- und aus dem Internet ‚rauszuhalten. Ich finde, die gehören da ran und da rein!, und sie sollten möglichst früh einen kritischen, gesunden Umgang mit diesem lernen. Natürlich ist es richtig und wichtig, Kinder je nach Bedarf und Erfordernis zu begleiten. Ihnen zu helfen, wenn es gebraucht ist, ihnen Dinge zu erklären; sie nach Möglichkeit vorzubereiten auf das, was sie dort, wo auch immer sie hingehen wollen, erwartet. Oder auch neue Dinge mit ihnen zeitgleich zu entdecken, dabei selbst zu lernen und noch dazu wirklich etwas gemeinsam zu tun.

Ja, Kinder haben heute vielfach Zugang zu Rechnern und zum Internet – und ich meine auch, dass ihnen dieser zusteht, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, und damit auch unabhängig von den Fähigkeiten ihrer Eltern.

Ja, ich begrüße es nicht nur, sondern finde es selbstverständlich, dass auch bereits Grundschulkinder Referate und anderes zum Beispiel durch Recherchen im Netz durchführen dürfen, wenn sie dies möchten, und hierin auch nach Kräften unterstützt werden. Ich fände es noch besser, wenn möglichst viele Kinder von Klein auf weitergehende Möglichkeiten hätten: Sie sollten schon früh lernen dürfen, wie wo welche Daten herkommen, welche Teile im Computer zu was gut sind etc., sodass ihre Scheu vor Technik von Klein auf möglichst gering bleibt, ihr Interesse an dieser und daran, mit dieser auch selbst kreativ Dinge zu tun, aber möglichst hoch. Sie sollten Technik möglichst nicht als passive Konsumenten kennen lernen, sondern von Anfang an verstehen, dass sie selbst mit dieser aktiv und kreativ umgehen können.

Ihr TV-Macher, Kinderpsychologen, Elterneinschüchterer,… Versteht endlich: Die Kinder von heute sind die, die mit uns zusammen unsere gemeinsame Zukunft weiterbauen. Sie haben unglaubliches Potenzial. Sie WERDEN diese Welt weiterentwickeln – wir sollten sie nicht fortwährend dabei bremsen und für schlecht halten, was sie tun. Vielmehr sollten wir ihnen vertrauensvoll begegnen, ihnen Freiräume lassen und mit ihnen, statt gegen sie, agieren.

Für unsere gesamte Gesellschaft wäre eine Verkettung von Respekt, Anerkennung und Vertrauen gepaart mit Zugang zu Technik UND Informationen sicherlich viel wertvoller als diese an genanntem Abend im TV einmal mehr erlebte Blockadehaltung: Wir können unsere Kinder nicht vor allem behüten. Wir können sie aber stark machen für die Welt, in der sie jetzt leben, und ihnen möglichst viel Rüstzeug mitgeben für die Welt, die sie einmal bauen werden. Und da gehört ein möglichst verständiger, kritischer, souveräner Umgang mit Technik von Anfang an meiner Meinung nach ausdrücklich dazu.

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