It’s not a bug. It’s a feature.

Und dann stehen sie vor dir, diese Tüten, prall gefüllt mit Medikamenten, und du gibst Kindern jeden Morgen ihre verordnete Dosis Medikinet. Und wenn du sie fragst, warum sie das nehmen, wissen sie es teilweise gar nicht so genau. Aber sie wissen, dass sie ihr Leben lang schon irgendwelche Medikamente nehmen, weil das eben so ist, weil das eben Erwachsene so gesagt haben, weil das eben Ärzte so fordern, weil das eben so zu ihrem Alltag gehört.
Und dann überlegst du wieder einmal, wie es wohl gewesen wäre, damals, als du ein Kind warst, wenn es da schon so etwas wie Medikinet gegeben hätte und wenn du zufällig nicht so sehr an dich glaubende, dich stärkende und gleichsam beschützende Eltern gehabt hättest, und neben diesen auch noch andere Menschen, die dich annahmen, laut oder leise. Hätten Lehrer dein Verhalten noch positiv mit „reger Mitarbeit“, „Redegewandtheit“, „anwendungsbereitem Wissen“ und „schneller Auffassungsgabe“ assoziiert und dir, um dich bei der Stange zu halten, mehr Aufgaben, mehr Bücher gegeben, oder hätten sie dich schlicht dem Arzt und der Apotheke empfohlen? Wären deine Impulsivität, deine Schnelligkeit, dein übersprudelndes Wesen, deine Kreativität wegtherapiert worden? Wärest du heute noch da, oder wärest du jemand anderes?

Vor einem guten Jahr sagte mir ein wohl nicht allzu wohlwollender Mensch: „Das, was du hast, ist pathologisch.“ Das hat mich erstaunlich tief getroffen, doch meistens bin ich mir recht sicher: Nein. Das, was ich habe, bin ich.

Doch nun standen sie plötzlich vor mir, diese anderen verordneten Tabletten meines Nachdenkens über mich selbst. In den letzten drei Wochen fragte ich mich mehr als einmal, warum, wofür oder wogegen gerade diese jungen Menschen behandelt würden, denen ich zur verordneten Zeit Kapseln aus ihren Medikamententüten anreichte. Nein, ich bin kein Arzt. Nein, ich kann nicht beurteilen, ob die getroffene Verordnung angemessen, wichtig, richtig ist oder nicht. Aber ja, ich habe hierzu eine deutlich subjektiv gefärbte Meinung. Und ich hoffe für diese jungen Menschen, dass ich mit meiner subjektiven Einschätzung falsch liege: dass sie nicht einfach nur behandelt werden, weil man Kinder heutzutage eben gegen alles Mögliche behandelt mit solchen Medikamenten, und das auch manchmal wohl noch abhängig vom sozialen Hintergrund, sondern dass ihre Behandlung tatsächlich individuell auf sie zugeschnitten ist und sie als ganzheitliche Menschen stets im Blick behält.

Bug oder feature, Therapiebedarf oder Persönlichkeit..

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