Identität in Berlin: Eine Generalprobe

Berlinerin? Deutscher? Flüchtling? Immigiert? Hier geboren, aber andernorts aufgewachsen? Was macht uns zu Berlinern? Wer darf sich so nennen, wer nicht, wann kommt wer an, wird wieder weggeschickt, wird aus- oder eingegrenzt? Gestern hatte ich die Ehre, der Generalprobe des neuen Theaterstücks ECHTER BERLINER !!!! IHR NICHT FUCK YOU des English Theatre Berlin beizuwohnen (Fotos hier in meinem Flick-Stream). Das experimentelle Stück ist eine Art Dokumentations-Theater: Der gesamte Text ist aus Zitaten zusammengesetzt; hierfür wurden mehrere Wochen lang Interviews mit Menschen mit den unterschiedlichsten Herkunftshintergründen geführt. Deren Erfahrungen, von der Behandlung durch Behörden über Alltagsdiskriminierung und Auseinandersetzung mit Rassismus bis hin zu Sprachbarrieren und eigener wie umgebungsseitiger Infragestellung spiegeln sich nun in berührender Weise in dem sehenswerten Kunst-Stück wieder. Sie tauchen nicht nur in den Sprechtexten auf, sondern werden durch Projektionen ins Bühnenbild immer wieder auch direkt in die Aufführung einbezogen.Überhaupt, das Bühnenbild: Mit wenig Mitteln hat das English Theatre Berlin hier interessante Akzente gesetzt. Einfache UK-Latten werden mit Papier bespannt zu flexiblen Möbeln, mit Holzpappe beklebt zu mobilen Wänden, oder bilden in bunt lackierter Variante auf dem Boden wohl das Farbleitsystem in der Ausländerbehörde ab. Verschweißtes Metall, Papier, ein Kassettenrekorder, viel mehr braucht es nicht. Die Bühne – der Flur. Die Schauspieler – die Wartenden, oder an MDF-Plattentischen sitzend sich austauschende Freunde, oder Unbekannte, oder eben genau jene dem Stück zugrunde liegenden Interviewpartner, mit ihren jeweils wechselnden Geschichten und Schicksalen und Erfahrungen. Auf den weißen Holzpappsäulen: Interaktive Einblendungen – mal Filmsequenzen der Interviewten, mal Perspektivwechsel ins aktuelle Bühnengeschehen, sodass die Befragungssituation, aus der das Stück selbst stammt, unmittelbar erlebbar wird.

Wie es sich für eine Generalprobe gehört, streikte gestern Abend zwar noch die eine oder andere Technik-Interaktion, was meinem Interesse und Wohlwollen diesem interessanten Stück gegenüber jedoch keinen Abbruch tat. Vielleicht sollte ich es mir in den nächsten Tagen einfach noch einmal… Ach nein, ihr wollt ja auch noch einen Platz, und soweit ich hörte, ist der Andrang für dieses Stück zu Recht recht groß. Ihr solltet also besser reservieren. Für die Zuschauenden der kommenden Tage hat sich die Equipe übrigens, wie ich erfahren durfte, eine noch viel stärkere Einbindung ins Stück überlegt. Es lohnt sich also: Geht doch mal wieder ins Theater, dieses Stück lässt sicherlich niemand kalt, Gesprächsstoff für danach ist garantiert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *