Großelternbande: von Vertrauen, Konflikten und Ehrlichkeit zwischen den Generationen

Kindheitserinnerungen: Meine Großeltern

Als ich ein Kind war, waren meine Großeltern für mich sehr wichtig. Ich hatte durch diverse Scheidungen und Neuverbindungen in der Familie vier Großelternpaare, zu dreien von ihnen gab es (und gibt es bis heute) viel Kontakt – und bei einem dieser Großelternpaare war ich im Kindergarten- und Grundschulalter besonders häufig zu Besuch. Da durften wir bei Oma und Opa im Bett oder wahlweise auch auf der Couch schlafen, es gab wenig Regeln und viel Eiscreme, der Opa hatte einen dicken Bauch, auf dem wir Kinder wild herumtobten, und es gab einen großen gelben Kachelofen, der für mich als Neubausiedlungskind irgendwie einen besonderen Reiz hatte.

Dickkopf gegen Dickkopf

Als ich ungefähr neun oder zehn Jahre alt war, hatte ich einen Streit mit meinem Kachelofen-Opa. Er fand, ich sei alt genug, auch mal ein bisschen zu helfen und solle auf einer Kehrschaufel die Asche die Straße hinunter und bis zur Aschetonne tragen. Ich fand das unglaublich peinlich und die Art seiner Aufforderung vermutlich auch unangemessen. Zwei Köpfe, zwei Meinungen prallten aufeinander, er meinte, dann könne ich jetzt auch nach Hause fahren, und genau das tat ich dann auch.

„Ich kläre hier was mit meinem Opa!“

Zu Hause hätte ich nichts erzählen müssen, aber sicherlich habe ich es doch getan. Und vermutlich haben meine Eltern, immer sehr auf eine gute Kommunikations-Balance bedacht, mir geraten, den Opa einfach anzurufen. Das Dilemma sei unauflösbar, aber ein gemeinsamer Weg sei bestimmt auch möglich, ohne mein Gesicht zu verlieren. Das werde schon wieder, „nur Mut!“


Ich erinnere mich genau daran, wie ich dann mit drei messing-glänzenden Zwanzig-Pfennig-Stücken an der türlosen Wohngebiets-Telefonzelle stand und wartete, anrufen zu können. Vor allem erinnere ich mich, wie mir, diesem kleinen, rotzigen Mädchen an der Telefonzelle, beim sicherlich nicht entschuldigenden, aber handreichenden Gespräch mit dem erst ebenfalls noch stur bleibenden, schließlich doch auch versöhnlichen Opa die Tränen das Gesicht herabkullerten. Und an die Leute, die im Vorbeigehen laut meinten: „Oh guck mal, der erste Liebeskummer!“, und wie ich ihnen aus dem Telefonat heraus und unter Tränen trotz allem wütend-empört entgegenschleuderte: „Nein! Ich kläre hier was mit meinem Opa!“
Ich vermute, dass genau dieser Moment auch der war, in dem unser gemeinsam-unklärbares Problem sich irgendwie magisch in Luft auflöste, jedenfalls weiß ich, dass wir uns sinngemäß auf so etwas wie „Schwamm drüber“ einigten, und ich kurz darauf mit trockenen Augen und einem versöhnten Lächeln im Gesicht nach Hause lief.

Generationenwechsel: Meine Tochter und ihre Großeltern

Meine Eltern sind irgendwann aus der Neubausiedlung meiner Kindheit heraus aufs Land gezogen. Sie leben dort mit Hunden und Katzen, Hühnern und Enten. Ich blieb in der Stadt, studierte, bekam selbst Kinder. Vor allem für meine Tochter, gerade zehn Jahre geworden, hat das Landleben einen besonderen Reiz, sodass sie gerne und viel bei meinen Eltern, ihren Großeltern zu Besuch ist. Und auch für sie gab es kürzlich einen Großeltern-Konflikt, von dem ich zeitweilig befürchtete, dass er verheerend sein könnte. Was war passiert?

manubloggt unerzogen großelternbande: foto ente jollie

Jollies Geschichte

m Frühling hatten die Großeltern ein Entenküken viel zu jung bekommen. Hätten sie es nicht mit großem Aufwand händisch aufgezogen – es etwa am Körper getragen, es im Haus auf Wärmflaschen in ein Mützchen gesetzt. – wäre es ihnen unter den Händen weggestorben. Das so aufgezogene Tier orientierte sich zunächst nur noch an den Menschen – und so fiel gegenüber der von dem Tierchen natürlich faszinierten Enkelin der Satz: „Dieses will wohl bei den Menschen leben?! Dann wird es nicht geschlachtet. Du kannst es ins Herz schließen.“

Oh oh – es lässt sich wohl erahnen, was passierte: Aus dem Entchen wurde ein Ganter, der sich doch mehr für die anderen Enten interessierte als für die Menschen. Trotz anderer Art – das Küken war eine Laufente, im Gegensatz zu allen anderen für den Weihnachtsbraten gehaltenen Oma-Garten-Enten – versuchte es alles, um sich der Entengruppe im Garten anzuschließen und wurde (nach tierisch viel Gezeter) schließlich auch mehr oder weniger aufgenommen. Für die Großeltern wandelte sich das Plüschküken damit zur Nutzente und wurde im Herbst geschlachtet, denn auf dem Lande gehört das Schlachten eben auch mit dazu.

Herzensangelegenheiten: Wie konnten sie das nur tun?

„Aber dieses durfte ich doch ins Herz schließen?! Wie konnten sie das nur tun?“ – die Enkelin war zutiefst betroffen. Wir redeten viel über Entenhaltung, über Moral, über das Schlachten im Allgemeinen und im Besonderen, über Liebe und Tod und über menschliche Fehler. Wie gern hätte ich ihr einen einfachen Lösungsweg aufgezeigt. Sie mit drei messingfarbenen Zwanzig-Cent-Münzen zu irgendeiner Telefonzelle dieser Welt geschickt. Aber sie hätte auch nicht mit ihnen reden wollen.

Das Entlein war tot. Ist tot. Bleibt tot. Hier war keine Umkehrung, keine Lösung möglich. Wie sollte dieses Dilemma bloß gelöst werden?

Der Brief: Wir können das gar nicht „kleinreden“

Die Großeltern schrieben der Enkelin einen Brief. Einen Brief so angefüllt mit Respekt, so ehrlich-entschuldigend und abwartend, dass er es vielleicht wert ist, in dieser unerzogen-Großeltern-Reihe als ein Beispiel für gleichberechtigt-menschliche Kommunikation auf Augenhöhe zwischen Erwachsenen und Kindern gezeigt zu werden.¹

Liebe M.,

wir haben von Deiner Mama gehört, dass Du sehr, sehr enttäuscht von uns bist und dass Du bitterlich geweint hast, weil wir das Entchen Jollie wie die anderen Enten auch geschlachtet haben.
Es tut uns leid, dass Du wegen uns so traurig bist. Wenn wir gewusst hätten, wie wichtig Dir das alles ist, hätten wir uns bestimmt anders verhalten. Denn es stimmt schon, es gibt immer mehrere Alternativen, um ein Problem zu lösen.
Als das Jollie in unsere Familie kam, hatten wir ihm einen Platz in unseren Herzen gegeben. Wir alle. Aber als es dann die anderen Enten kennen gelernt hatte, wollte es unbedingt so sein wie diese. (…) Wir haben es weiterhin geachtet, so wie man seine Tiere achtet, und wir haben uns gekümmert, aber wir haben es mit der Zeit nicht mehr oder weniger gemocht als die anderen aus ihrer Herde (man sagt „Herde“ zu der Gruppe von Enten). Und so kam es, dass wir das Jollie genauso angesehen haben wie die anderen und es deshalb eben auch als Nutztier geschlachtet haben.
Manuela sagte uns, Deine Enttäuschung sei vor allem deshalb so besonders groß, weil wir die Angelegenheit einfach ohne Dich entschieden haben. Wir ahnten nicht, dass es Dir so wichtig war, dass Dein Schmerz darüber so groß sein würde. Nun ist es geschehen und wir müssen versuchen, damit irgendwie klarzukommen.
Wir bitten Dich, uns zu verzeihen.
Bitte versuche, Dein früheres Vertrauen zu uns wiederzufinden. Wir hatten so viele schöne Stunden miteinander und die wollen wir doch nicht wegwerfen, oder?
Wenn man so enttäuscht ist von jemandem, dann braucht es schon seine Zeit, bis die Wunden einigermaßen geheilt sind. Wir können das gar nicht „kleinreden“. Aber bitte – schau mit uns gemeinsam nach vorn und lass uns weiterhin Deine lieben Großeltern sein.

Bitte komm‘ wann immer Du willst allein, mit Deinem Bruder oder mit einer Freundin (oder zwei) zu uns zu Besuch, wir würden uns sehr darüber freuen. Gib‘ einfach Bescheid und wir werden es gerne einrichten.

Fühl Dich umarmt und geherzt von Deiner Oma und Deinem Opa

Vielleicht kann dieser Brief anderen als Anregung dienen, wie sich im täglichen Miteinander von Menschen, egal ob kleinen oder großen, ehrlich mit Fehlern umgehen lässt. Davon sind die Fehler nicht aus der Welt – wie sollten sie es auch sein. Möglicherweise aber können solche bzw. ähnliche Worte helfen, trotz gemachter Fehler einen weiteren gemeinsamen Weg zuzulassen. Eine Tür nicht noch weiter zu- sondern abwartend aufzumachen.

Fünf Buchstaben für die Großeltern

Die Enkelin schickte den Großeltern einige Zeit nach dem Brief jedenfalls eine Textnachricht. In dieser stand nicht mehr als: HEGDL². Versöhnlich-offener hätte auch sie es nicht formulieren können – und auch wenn das Ereignis als solches mit Sicherheit ein Marker bleiben wird, so lässt sich doch heute erkennen, dass das Band dieser Großeltern mit ihrer Enkeltochter weitergeknüpft werden kann.

„Es geht darum, dass sie verstanden haben“

Meine Tochter möchte, dass ich diesem Artikel noch einmal erläuternd hinzusetze: „Es geht nicht nur darum, dass sie gesagt haben, dass es Ihnen leid tut. Das ist auch wichtig, aber das wäre ja zu einfach. Man macht was Schlimmes und sagt dann ‚Tut mir leid‘ und dann soll es wieder gut sein? So leicht ist das nicht. Manche Sachen kann man ja auch gar nicht wieder ‚gut‘ machen. Es geht darum, dass sie verstanden haben: Sie haben nur an sich gedacht, obwohl das auch uns was anging. Obwohl das auch mich was anging. Dass sie das verstanden und ehrlich zugegeben haben.“

Vertrauen ist hart erarbeitet und schnell verloren – und egal, wie ein Konflikt gestrickt ist, es verlangt sicher stets allen beteiligten Seiten viel ab, die jeweils andere Seite wach und mit offenen Sinnen anzuhören, ihre Position nachzuvollziehen und das Wirken des eigenen Handeln aus der anderen Perspektive zu betrachten und zu reflektieren. Gerade in einer noch immer hierarchisch und adultistisch geprägten Gesellschaft ist dies wohl umso schwerer, wenn es sich um einen Konflikt handelt, an dem Menschen allgemein unterschiedlich bewerteter „Stufen“ beteiligt sind.

Im Konflikt zeigt sich, ob wir unsere Prinzipien tatsächlich umsetzen können

Umso mehr erleichtert mich diese Wendung. Es erfüllt mich mit Dankbarkeit und Liebe zu sehen, dass es in meinem engsten familiären Umfeld nicht nur in der Theorie und in den sagenumwobenen „guten Zeiten“ mit dem gleichberechtigten Umgang zwischen Menschen unterschiedlicher Generationen funktioniert, sondern auch in einer ganz konkreten Konfliktsituation. Denn auch wenn es noch viel besser wäre, diese von vornherein zu vermeiden: Erst im Konflikt erprobt und zeigt sich aufs Deutlichste, wie es tatsächlich in der Praxis mit den eigenen hehren Zielen funktioniert. Ich hoffe, dass es mir, falls ich später einmal eine Großmutter sein werde, ebenso gut gelingt, meine Rolle auch unter schweren Umständen und in all meiner Unperfektheit ehrlich, selbstkritisch und empathisch auszufüllen.


unerzogen cover manubloggt

¹ Die Enkelin hat der auszugsweisen Veröffentlichung ebenso zugestimmt wie die Großeltern.
² Hab Euch ganz doll lieb.

Dieser von mir verfasste Text wurde in der Ausgabe 01/2016 der übrigens auch sonst immer wieder lesens- und empfehlenswerten, kontroversen Zeitschrift unerzogen veröffentlicht.

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