Freiheit vs. Sicherheit vs. Freiheit

Meine persönlichen Überzeugungen sind das eine:
– dass Freiheit das höchste Gut ist
– dass immer verstärktere Personenkontrollen und sonstige Bestrebungen der Personenüberwachung nicht zu mehr Sicherheit, sondern nur zu immer weniger Freiheit führen
– dass die gegenseitige Freiheitsgewährung für ein vertrauensvolles Miteinander unabdinglich ist
– dass gegenseitiges Misstrauen Gift für ein solches Miteinander und Gift für ein demokratisches Zusammenleben ist. Im Kleinen, z.B. Gängeleien und Überwachung innerhalb einer Familenstruktur, wie auch im Großen, z.B. mit Maßnahmen wie der gegen die Bürger gerichteten Vorratsdatenspeicherung.

Glücklicherweise bin ich häufig umgeben von Menschen, die das ebenso sehen und mit denen ich gemeinsam an einem Strang ziehen kann. So fühlt sich der Kampf gegen Windmühlen nicht ganz so einsam an. Ich bin auch recht zuversichtlich, dass es Mittel gegen Windmühlen gibt und das Ganze nicht vergebliche Liebesmüh, sondern den Versuch wert ist.

Nichtsdestotrotz: Es bleibt eben ein Kampf gegen Windmühlen. Die Überzeugung einer (anscheinend zu) großen Masse ist nämlich leider das andere, basiert sie doch auf einer die Bedeutung von Sicherheit viel mehr in den Vordergrund setzenden Annahme. Auf der Hobbes’schen Vorstellung nämlich, dass in einer Volksgemeinschaft –unabhängig von deren konkreter politischer Struktur- die Einzelnen ihre Souveränität an den Leviathan, die Maschine Staat, abgeben. Der Leviathan garantiert dem Einzelnen dafür persönliche Sicherheit: vordringlich den Schutz, vom Nächsten nicht umgebracht zu werden. Alle weiteren Rechte, die der Leviathan gewährt, stehen dieser Theorie nach immer hinter dem (Über-)Lebensschutz zurück. Entsprechend wäre dann auch ein etwa seitens des Leviathan dem Einzelnen gewährtes Recht auf Freiheit diesem Überlebensschutz unterzuordnen.

Dass dies in der täglichen Realität von vielen Menschen zumindest ein großes Stück weit so gesehen wird, zeigte sich unangenehmerweise einmal mehr gestern Abend im heute-Journal, in welchem bei einer Befragung zum Thema „Nacktscanner“ die gezeigten Personen allesamt sinngemäß einvernehmlich sagten: „Nun ja, das ist nicht schön, aber wenn es doch der Sicherheit dient…“, bis hin zu „Nun, wenn ich dann nicht sterbe“. (Am Rande: Wie gern hätte ich der jungen Frau im TV erklärt, dass sie in jedem Fall einmal sterben müsse…)

Letztlich bleibt aus dieser Perspektive heraus dann nur noch die Frage zu klären, OB etwas der Sicherheit dient. WENN es dieser zuträglich ist, scheint das Einvernehmen, entsprechende Maßnahmen zu dulden, leider sehr groß zu sein.
Wer also eine neue Überwachungsmaßnahme gut in ein Licht stellen kann, in welchem allein der Schein entsteht, sie wäre sicherheitsförderlich, hat schlimmerweise schon fast gewonnen. Seitens der Regierung, die sich in der Verpflichtung sieht und hierdurch manipulierbar ist, und auch seitens der Bürger mit einer entsprechenden Erwartungshaltung, die daraus folgend ebenfalls leicht beeinflussbar sind.

Der gestrige Konferenzvortrag zum Thema Europäische Biometriestrategien zeigte meinem Verständnis nach genau dies: Im Glauben an die prinzipielle Unfehlbarkeit von Maschinen werden menschenkontrollierende Systeme geschaffen, die eigentlich als solche überhaupt fragwürdig sein müssten. Die Fragen, die politisch wie technisch letztlich behandelt werden, sind jedoch nicht bezogen auf die prinzipielle Fragwürdigkeit solcher Maßnahmen, sondern nur Fragen der Ergebnisgenauigkeit: Fragen dazu, wie hoch die maschinelle Fehlerquote ist, die diesem Verständnis nach nur gegen Null gesenkt werden müsste, um maximale Sicherheit oder jedenfalls ein erhöhtes Maß an Sicherheit zu erzielen.

Ich halte dagegen. Ich sehe weitgehende Probleme, die das Fortschreiten der Überwachung in vielen gesellschaftlichen Bereichen mit sich bringt. Probleme für jeden von uns und Probleme für eine demokratische Gesellschaft als solche. Ich versuche, mein kleines Quentchen dazu beizutragen genau hierauf hinzuweisen, aufzuklären, aktiv zu sein und Gegenbewegung zu erzeugen.
Gerade deshalb finde ich es aber auch bedeutsam, sich mit den theoretischen und praktischen Grundlagen, auf denen dieses furchtbare Sicherheitsparadigma fußt, auseinanderzusetzen. Ansonsten gelingt es nämlich vielleicht ab und an, einen neuen Mechanismus in diesem Szenario mit dem Beweis der Unsicherheit auszubremsen – aber nicht, die Gefahr immer fortschreitenderer Überwachung generell zu betonen.

Dies war es, was ich gestern gesagt habe, lieber padeluun – und, immer noch Bullshit? Oder hattest Du dieses „Bullshit“, wie ich doch hoffe, nur auf die Theorie, welche Sicherheit über Freiheit stellt, bezogen? Dann könnte ich diesen Artikel nämlich mit einer einvernehmlichen Zustimmung schließen und zumindest in dieser Hinsicht schreiben: Ende gut, alles gut.

Grüße von der Frau mit dem Mäntelchen

2 Gedanken zu „Freiheit vs. Sicherheit vs. Freiheit“

  1. Mit „bullshit“ meinte ich in Tat die viel zu weit verbreitete *Meinung*, dass der Staat Sicherheit zu garantieren hätte und deswegen Freiheit beschneiden müsse. (Vulgo „Sicherheit vs. Freiheit“). Ich wollte Dir nicht unterstellen, dass Du diese Anschauung teilst. Lieben Gruß //padeluun

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