Frankreich wählt. Nicht.

Habt ihr es mitbekommen? In Frankreich fand gestern der erste Wahlgang der Regionalwahlen statt. Nichts davon gehört? Nun, das scheint einer ganzen Menge Franzosen ähnlich zu gehen: Bei gerade mal 47 % Wahlbeteiligung wäre es ja wohl noch die beste Hoffnung, dass aus Kommunikationsgründen jeder Zweite schlicht das Datum nicht mitbekommen hat. Allerdings – wenig spricht dafür. Vielmehr scheint es doch so, dass mehr als die Hälfte der Franzosen sich für die Wahl nicht interessiert hat. Oder der Überzeugung ist, sowieso keinen Einfluss nehmen zu können, egal mit welcher Stimmabgabe. Oder sich aus anderen Gründen bewusst der Wahl verweigert hat. Für die politische Legitimation in einem demokratischen System ist dies jedenfalls keine erfreuliche Entwicklung.Die konservative UMP wurde, soweit sich dies nach bisherigem Stand beurteilen lässt, abgestraft. Ein Denkzettel für Müssiö lö Président Nicolas Sarkozy – und damit ein Nationalwahlenergebnis ohne direkten Regionenbezug (womit ich keine persönliche Wertung ob der regionalen Politik-Konzepte der UMP abgeben möchte). Da aber auch im Vorfeld der Wahlen die Regionen anscheinend in der Parteikommunikation so gut wie keine Rolle spielten, ist dies nicht weiter verwunderlich. Der Stimmzugewinn der linken PS, die sich -auch im Hinblick auf die Präsidentschaftswahlen 2012- nun mittelleise bejubelt, ist allerdings auch als nur relativ anzusehen: Schließlich hatten die Linken im Bündnis im Vorfeld der Wahl versucht, diese als eine Art Anti-Sarkozy-Referendum darzustellen. Im Lichte der niedrigsten Wahlbeteiligung ever ist dieser Versuch aber wohl schon irgendwie als gescheitert zu betrachten, Stimmzugewinne hin oder her.

Nicht gescheitert ist stattdessen gruseligerweise der rechtsnationale Font National: Dessen Ergebnis -durchschnittlich 12%- erzeugt zumindest bei mir nicht nur Bedrückung und Kopfschütteln, sondern ein unbändiges Gefühl von Frustration und weckt das Bedürfnis, meine liebe douce France am Nacken zu packen und mal ordentlich durchzuschütteln. Immerhin konnten die französischen Grünen ein durchaus beeindruckendes Ergebnis vorweisen und liegen mit diesem glücklicherweise wenigstens noch 0,8 Prozent vor der nationalen Rechten, die damit „nur“ den vierten Platz insgesamt innehat. Aber Mensch, den vierten Platz! Zweistellig, mal wieder! Das sollte mehr als Kopfzerbrechen verursachen.

Zur aktuellen Wahl(nieder)lage lässt sich heute natürlich viel nachlesen:
Einen schönen Presseüberblick gibt hier Libération; die Zeitung bietet zudem ein umfangreiches Artikel-Dossier zu den diversen Aspekten der Wahl sowie einen lesenswerten Kommentar des Chefredakteurs. Zum Thema UMP/Front National steht in diesem:

„Le débat sur l’identité nationale devait asphyxier le Front national : celui-ci réalise un score inquiétant et, dans quelques régions, il remporte un gros succès.“

(Die -Ergänzung meinerseits: von der UMP im Vorfeld der Wahlen ausgelöste, populistische– Debatte um die nationale Identität sollte den Front National lahmlegen; dieser erreicht nun ein beunruhigendes Ergebnis und kann in manchen Regionen große Erfolge verbuchen.)

Auch Le Monde hat heute natürlich ein großes Themendossier, beschäftigt sich ausführlich mit dem aktuellen Stand von Mr le Président und will Statements von den vielen Nichtwählern zu ihren Gründen. Fraglich ist für mich nur, wie viele tatsächlich ihre Begründung ins Kommentarfeld eintragen…

In der Süddeutschen fand ich einen Überblicksartikel zum Thema, interessanter wird es aber vermutlich zum Beispiel im deutsch-französischen Blog vasistas? zugehen – ich jedenfalls bin nach dem ausführlichen Artikel von Samstag gespannt auf die Analyse zum ersten Wahlgang.

Noch gespannter bin ich dann allerdings bezogen auf das kommende Wochenende. Da heißt es dann nämlich: Wählen zum zweiten – und hier ist alles offen. Wer weiß schließlich, was die 53 Prozent Franzosen, die am vergangenen Wochenende verhindert waren, am nächsten Wochenende vorhaben?!

3 Gedanken zu „Frankreich wählt. Nicht.“

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