Fahrende Mauern

In der Bernauer Straße verlief bekanntlich einst die Berliner Mauer, glanzloses Bauwerk mit dramatischer Wirkung. Heute erinnert in selbiger Straße zumindest auf den ersten Blick nicht mehr viel an die einstige Trennwand. Die Straße wurde generalüberholt und verbreitert, die angrenzenden Häuser, an denen einst Fenster mit Backsteinen zugemauert wurden, sind mit schicken Glasfronten und nachträglich installierten, modernen Dachterassen aufgehübscht worden. Von Stacheldraht ist nichts mehr zu sehen, und Schäferhunde patrouillieren dort höchstens noch beim Gassigang mit Herrchen oder Frauchen.
Und doch:
Wenn man mit dem Auto durch die Bernauer Straße fährt und dann links an der neuen Ampel in die Wolliner Straße einbiegen will, kann es einem bei entsprechender Verkehrslage passieren, dass man sich kurzzeitig wie eingemauert fühlt. Die Linksabbiegerspur befindet sich nämlich mittig zwischen den Straßenbahngleisen, und genau dort wartet man dann also auf grün. Wenn es nun BVG-Fahrplan und Berliner Verkehr zufällig gerade so wollen, dass just in einem solchen roten Linksabbiegermoment in beide Richtungen geradeaus eine Straßenbahn kommt, so steht man da. Mittig zwischen den Gleisen, und links und rechts zieht eine fahrende Mauer vorbei.
Ich für meinen Teil war gestern froh, als mir an beschriebener Ampel ebendieser Gedanke kam, aber zum Glück keine Tram, und ich also einfach abbiegen konnte, ganz ohne Mauern (gleich welcher Art).

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