Eiszeit

Je wärmer es wird, desto mehr lechzen die Mäuler nach Abkühlung. Von morgens bis abends fahren regelmäßig drei Eisverkäufer mit ihren rollenden Eisständen hier am Binzer Ostseestrand entlang und buhlen mit ihrem überteuerten abgepackten Eis um die Gunst all derer, die zu faul sind, sich oberhalb des Sandstrandes in der Promenade zu deutlich günstigeren Preisen ein frisches Kugeleis zu holen. Manchmal folgen sie einander regelrecht auf dem Fuße, alle drei mit dem gleichen Angebot.

Es muss, zumindest für Kandidat Eins, ein schlechtes Geschäft sein. Recht athletisch, sicherlich nett, aber ca. Mitte vierzig und nicht auffallend interessant tritt er an gegen Kandidat Zwei, irgendwo zwischen sechzehn und achtzehn vielleicht, recht sportlich, braungebrannt aber langweilig und ein bisschen zu aufgeblasen, und Kandidat Drei, ca. gleiches Alter und auf dem Wege zum Prince Charming von Binz.
Bimmelt Kandidat Eins, so geschieht es von Zeit zu Zeit, dass irgendein Oppi, den die Lust auf ein Bottermelk Fresh überkommt, dieses umständlich käuflich erwirbt. Kandidat Zwei hat seine feste Stammkundschaft bei den eher auf kernige, athletische Jungs festgelegten Mädels, und außerdem fährt er mit seinem Eiswägelchen mehr im Bereich der etwas weiter entfernten Wassersportstelle herum, wo „sein Typ“ offensichtlich besonders gefragt ist.

Kandidat Drei jedoch kriegt sie alle. Wo er aufkreuzt, schlagen die im Sand liegenden Beine reihenweise über, werden Oberkörper durchgedrückt und Haarsträhnchen en masse ins Gesicht gezogen. Die zwölfjährigen Mädchen zuppeln schon, wenn sie seinen Eiswagen nur am Horizont wahrnehmen, ihre noch mehr dekorativen als funktionalen Bikinioberteile zurecht und suchen ihre Taschengeld-Portemonnaies heraus. Die zwei Jahre älteren Mädels gehen mit lässigem Hüftschwung mindestens zehn Mal völlig unauffällig an ihm vorbei, bis sie sich dann auf den coolen Eis-Dialog einlassen und daraufhin schmollend nur mit einem Magnum in der Hand (aber wohl ohne Telefonnummer) wieder abziehen und ggf. auf das Auftauchen von Kandidat Zwei warten. Die Muttis geben reihenweise den (bereits beim Aufkreuzen von Kandidat Eins deutlich geäußerten) Schreien ihrer Sprösslinge statt und raffen sich völlig selbstlos auf, ihren Kleinen eine süße Freude zu besorgen. Und die in den Strandkörben kreuzworträtselnden Omas lassen zumindest unauffällig die Rätselzeitung sinken, auch wenn sie ihre kühle Droge, wenn überhaupt, standesgemäß bei Kandidat Eins erwerben.

Und sollte der Andrang wider Erwarten doch einmal nicht allzu groß sein, so zieht Kandidat Drei alle Register: Er macht eine Pause. Lasziv an seinen Eiswagen gelehnt, in weißer Leinenhose, mit bloßem gebräuntem Oberkörper und im Wind wehenden dunkelbraunen Haaren, blickt er mit seinen vermutlich stahlblauen Augen ganz selbstversunken auf das wogende Meer. Der Effekt stellt sich gemeinhin spätestens nach zwei Minuten ein.

Dann lege auch ich die Lehne des Kinderwagens um, zücke meinen Geldbeutel und gebe meinem dreijährigen Sohn zwei Euro, damit er für sich und seine kleine Schwester ein Kaktuseis kaufen kann. Natürlich nicht, weil ich dem Anblick nicht widerstehen könnte. Nein: Bei Kandidat Eins und Zwei kostet dieses Eis, welches meine Kinder so lieben, glatte zwanzig Cent mehr, und das ist ja nun wirklich Wucher!

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