Die orientalische Methode

Mangels Platz im auserwählten Schnippelladen wagte ich mich gestern zum Herren-Coiffeur in unserer Straße. Ich wollte ja schließlich eine Kurzhaarfrisur, so ganz falsch konnte ich da nicht sein. Die Begrüßung nach meiner Frage, ob das denn ginge, war herzlich: „Natürlich, kein Problem. Augenbrauen zupfen auch gleich noch?“
Hmmmmm, war das jetzt ironisch gemeint? Oder sah ich wirklich so schlimm aus?? Ich schluckte erst einmal und entgegnete selbstbewusst, dass ich das normalerweise allein machen würde. Daraufhin nahm der arabisch angehauchte Friseur meine Brauen aus der Nähe in Augenschein, runzelte die seinigen und meinte nur „Na, ganz okay.“ Ich schluckte nochmals und nahm mutig Platz.
Zu meiner Ehrenrettung stellte sich dann heraus, dass Zu meiner Ehrenrettung stellte sich dann heraus, dass besagter Salon gerade eine Werbeaktion gestartet und in der Gegend Flyer verteilt hatte: Für Frauen geöffnet – und bei Besuch Augenbrauenzupfen gratis. Nach vierzig Minuten Haareschneiden, in der die Kollegin des mich bedienenden Friseurs ganze drei Männer bedient hatte, während bei mir immer noch hier und da ein Strähnchen gerichtet wurde, befand der Friseur auch meine Augenbrauen dann doch noch für so behandlungsbedürftig, dass mein Ich-füge-mir-entsprechende-Schmerzen-lieber-selbst-zu-Gemurmel keinen großen Anklang mehr fand. Monsieur Locki Arabicus wies mich stattdessen mit einem Ach-komm-schon-Kopfnicken und wissendem Blick an, meine Augen zu schließen. Nun sollte ich mit einer Hand die Stirnhaut hoch- und mit der anderen das Augenlid herunterziehen, während er einen braunen Bindfaden zückte und in komplizierten Schlingen um seine Finger legte. Und dann, ich fühlte mich wie der böhmische Knödel, den mein Papa in meiner Kindheit mit Küchengarn fachkundig in Scheibchen teilte, wurden meine Brauen zack zack mit ebendiesem Bindfaden auf Hochglanz getrimmt. Was genau geschah, konnte ich mangels Augenöffnung nicht erkennen, irgendwie wurden überstehende Härchen mit dem Faden ruckzuck und tatsächlich fast schmerzfrei aus der Haut gezwirbelt. Nach vielleicht fünf Minuten waren beide Brauen aus meiner Sicht, soweit ich dies im wörtlichen Sinne nach dem selbst zugefügten Augengequetsche während der Prozedur beurteilen konnte, perfekt wie selten und ich entsprechend beeindruckt; doch der gute Coiffeur, wohl ein wahrer Meister der arabischen Schule, war noch immer nicht zufrieden. Mit Spezialkamm und Brauenschere säbelte er hier und da noch ein Mü meiner zarten Augenschützer ab, ich hätte es nicht für möglich gehalten.

Nun habe ich also perfekt gestylte Augenbrauen, eine wirklich top geschnittene Frisur auf dem Kopf – und im Portemonnaie nicht einmal ansatzweise ein Loch: Haareschneiden für sieben neunzig, die Brauen gratis (anstelle von 1,55€ pro Seite).
Es lebe die orientalische Methode – bei den Preisen bleib‘ ich beim Herrenfriseur, lass‘ mir nächstes Mal auch noch den Damenbart pink färben und gebe am Schluss fünf Euro Trinkgeld!

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