Die Akkordeonspielerin

Die Massen strömen zur Arbeit, Morgen für Morgen, Tag für Tag. Durchspülen die Straßen der Stadt, drängen in die Bahnen und sprudeln wieder aus ihnen heraus. Mittendrin auch ich, wenn ich morgens gegen neun im Fluss der Arbeiterbewegung die S-Bahn-Brücke am Schiffbauerdamm überquere. Und unter dieser Brücke fließt wie gehabt die Spree.

Es ist keine schöne Brücke: lang, grau, überdacht durch eine weitere, auf der die S-Bahnen dröhnend über den Köpfen schweben. Nicht gemütlich, ein Übergang, den man eben nutzt, da er zum Ziel führt. Und doch – genau auf dieser Brücke gibt es etwas, das man verpasst, wenn man einen anderen Weg über den Fluss wählt: die Akkordeonspielerin.Sie sitzt, stetig, freundlich, immer lächelnd, jeden Morgen da – und spielt. Bis in den Nachmittag hinein, ob sie irgendwann Pause macht, weiß ich nicht. Zuerst hatte ich sie gar nicht wahr genommen, erschien sie doch wie eine der vielen, die in dieser Stadt irgendwo die Hand aufhalten, und alle anderen – auch ich, ich gebe es zu – schauen gepflegt-berührt seitlich vorbei.
Als sie jedoch eines Tages einmal nicht da war, fiel sie mir auf. Diese Lücke. Die leere Brücke, ganz ohne jede Melodie, nur das Klappern der vielen Absätze auf dem grauen Stein. War da nicht sonst etwas gewesen? Nachmittags spielte sie wieder. Ich lächelte ihr zu. Am nächsten Tag begrüßten wir uns bereits.

Inzwischen gehört sie dazu. So, wie ich weiß, dass die junge, zarte Frau mit Mops im Friseurladen gegenüber in der Luisenstraße arbeitet und der Herr mit Hut bei Reuters, so rechne ich auch fest mit Mademoiselle Tzigane und ihrem Akkordeon mit den altbekannten Melodien. Lächle ihr ein freundlich erwidertes Guten Morgen entgegen, wenn ich die Brücke überquere, und nachmittags ein Tschüß. Bin irritiert, wenn am bekannten Ort statt ihrer Selbst ein Fremder die Hand aufhält. Muss leise schmunzeln, wenn auf ihrem Akkordeonkoffer drei kleine Blumensträußchen liegen, und frage mich, wie sie selbst sich wohl wahrnimmt, an ihrem Arbeitsplatz am Schiffbauerdamm. Vielleicht sollte ich ihr diese Geschichte schenken? Jedoch – wie letztlich doch bei allen, ist auch ihr Anliegen wohl mehr der Arbeitslohn. Ich sollte etwas Klimpergeld dazu tun..

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