Das Buchmesse-Kinder-Desinteresse. Nicht von Seiten der Kinder.

Die Frankfurter Buchmesse ist an zwei von fünf Tagen ihrer jährlichen Öffnung keine reine Fachmesse, sondern für die Öffentlichkeit, auch „Endverbraucher“ genannt, zugänglich. Auch für Kinder. Am Samstag begab ich mich – zunächst ganz privat – mit meinen zwei beiden ziemlich literaturinteressierten Nachwuchsleseratten während eines sowieso geplanten Frankfurt-Urlaubs in die Kinderbuchhalle ebendieser Messe – und war, gelinde gesagt, schockiert.

Das Schockerlebnis bestand nicht etwa in der Erkenntnis, dass es zur Zeit unseres Eintreffens brechend voll war, das kennt und gönnt man einer Messe ja. Auch das zu einem späteren Zeitpunkt eingenommene Messemittagessen konnte mich nicht aus der Fassung bringen (die Kinder schon, aber in so vielen schlechten Kantinen wie ich haben sie halt noch nicht gespeist, da ist noch Abhärtung erforderlich).

Nein, schockierend war die Erkenntnis, dass sich in der Kinderbuchhalle ausstellerseitig so ziemlich niemand durchgängig ernsthaft für jene interessierte, welche doch ihre ureigenste Zielgruppe darstellen: für die Kinder.Kinderbuchlesungen
Ja, natürlich gab es an einigen Ständen Autorenlesungen aus Kinderbüchern. Erwartungsvoll saßen dann kleine und große Menschen zumeist auf quietschfarbenen Teppichböden oder bedruckten Wellpappehockern und hörten sich vor der eigentlichen Lesung zumeist noch eine Autoren-Kurzeinführung seitens einer Verlagsperson an. Jedoch – diese Verlagspersonen richteten ihre warmen einleitenden Worte, zumindest soweit ich dies erleben durfte, selten an ihr gesamtes Publikum, sondern rasselten vielmehr einige autorenbezogene Fakten herunter; wenn es eine Publikumsansprache gab, dann eher siezend und erwachsenenorientiert, statt kindergerichtet. Die Lesungen selbst, welche wir an unserem einen Messetag vor Ort besuchten, gefielen dann – besonders die Lesung von Christian Dreller, Autor von Warum haben wir Tomaten auf den Augen? aus dem zur Oetinger Verlagsgruppe gehörenden Ellermann Verlag, machte den Kindern Spaß. Dennoch bleibt aufgrund des „Drumherums“ doch ein fader Nachgeschmack: Es wäre mindestens viel mehr möglich gewesen, und eine viel aktivere Einbeziehung des Publikums, insbesondere der anwesenden Kinder, zum Beispiel durch aktives Nachfragen, Möglichkeiten zu Feedback und Kritik, wäre sicherlich umsetzbar und wünschenswert gewesen.

Verlosungen, Spiele und Geschenke

Neben den Kinderverlagsprogrammen und einigen Haupttitel-Postern boten einige Verlage zu bestimmten Zeiten Verlosungs-Aktionen an. Die Kinder drehten zum Beispiel an einem Glücksrad, und je nach getroffenem Endfeld konnten Sie etwas gewinnen. Die Preise waren teilweise wirklich großzügig – der LINGEN Verlag verloste Spiele und Trinkflaschen, Langenscheidt Brotdosen, Glitzerstifte und Straßenmalkreiden – , und einem geschenkten Gaul schaut man ja eigentlich nicht ins Maul. Aber vielleicht auch doch – denn es erstaunte mich schon, dass kein einziger Verlag, jedenfalls meiner Wahrnehmung nach, seine Bücherreihen, die doch auf der Buchmesse im Vordergrund stehen sollten, in so etwas sinnvoll einbrachte. Nein, mir geht es nicht um große Geschenke: Ich vermisste vielmehr literaturorientierte Spiele, mit welchen die Verlage einfach ermöglicht hätten, dass sich Kinder aktiv vor Ort mit den neuen Verlagstiteln auseinandersetzen. Kein Verlag, den ich besuchte und hierzu auch aktiv befragte, hatte etwas ähnliches vorbereitet, auch kinderorientierte Leseproben fanden sich nur begrenzt. Wieso wurde nirgends literaturbezogenes Material für die Buchmesse vorbereitet, zum Beispiel ein Suchspiel, ein Postkartenrätsel oder ein buchklappenorientiertes Kurzrätsel zu den drei aktuellsten Verlagstiteln? Nicht einmal die herausstechenden Verlage mit für den Kinderliteraturpreis nominierten Büchern taten sich hier bemerkenswert hervor.
Übrigens gerieten viele Verlage auch zu einer anderen Frage ins Stottern: Ich erlaubte mir nämlich, bei einigen Ständen interessiert nachzuhaken, mit welchen Kitas, Schulen, Stadteilbibliotheken oder ähnlichen Institutionen sie denn kooperieren würden, um die auf der Buchmesse für den Verkauf zu „zerlesenen“, aber dennoch guten Bücher im gesellschaftlich positiven Sinne weiterzugeben. Diese lesefördernde Möglichkeit scheint jedoch nirgends konsequent umgesetzt zu werden, jedenfalls bekam ich nur Antworten à la „ja, äh, wir entscheiden das spontan“, „da gibt es, soweit ich weiß, wohl Kooperationen vor Ort, im Landkreis unseres Firmensitzes bei uns in Süddeutschland“, oder „nun ja, wir haben da, äh, im Haus, also eine Kita, da geben wir schon mal…“ – aber genauere, fundiertere Auskünfte waren zumindest beim spontanen Nachfragen auf der Messe nicht zu bekommen. Schade eigentlich – dabei wäre ein klares und noch dazu jederzeit vermittelbares Konzept hierzu doch sogar ein werbewirksames Mittel und entsprechende Aktionen also eine klassische Win-Win-Szenerie..

Kinderfragen
Kinder, die buchbezogene Fragen haben? Damit rechneten wohl die wenigsten, und waren auch zu oft nicht in der Lage, sich spontan auf diese unerwartete Situation einzustellen. Vielmehr führten Fragen vielfach zu Irritation, wurden freundlich weggelächelt oder gar ignoriert: So erhielt Tochter auf ihre Frage nach den neuen Titeln der Reihe Was ist Was? keine direkte Antwort, sondern musste zuhören, wie die Verlagsdame mir antwortete und mich auch auf die später stattfindende Veranstaltung zu einem Buch hinwies. Ich hatte aber gar nicht gefragt, sondern die direkt vor ihr stehende Sechsjährige, über deren Kopf hinweg sie mir antwortete.
Am Dorling Kindersley-Kinder-Wissensbuchstand gab es zwar viel Platz zum Schmökern, jedoch ebenfalls kein merkliches Interesse an einem direkten Austausch mit der standrelevanten Zielgruppe. Der Kinderversuch, fragend etwas über neue Bücher zu einem konkreten Thema herauszufinden, wurde statt mit einer inhaltsbezogenen Antwort mit „Hier, schau mal, wir haben Hefte zum Mitnehmen. Da steht auch einiges zu unseren Büchern drin“ schnellrestaurantbehandlungsgleich nichtbeantwortet. Dass sich zum erfragten Thema dann keine ernstlichen Verweise in dem zweifelsohne insgesamt nett aufgemachten Wissens-Givaway-Buchhandlungs-Magazin „Durchblick“, welches uns zumindest die Bahn-Heimreise interessant gestaltete, fanden, liegt vermutlich in der Natur der nichtkinderorientierten Buchmessensache.
Ähnlich war es auch bei Ravensburger, direkt nebenan – auch hier lag der Schwerpunkt, den der Verlag für den „Austausch mit der Öffentlichkeit“ vorgesehen hatte, offensichtlich vor allem auf „Ihr dürft die Klappen in allen Klappenbüchern aufmachen“ und auf „Ein Tiptoi funktioniert so“. Kinder, die ebendies schon wussten, und die Fragen hatten wie „Funktioniert das deutsche Tiptoi-Buch auch mit der Software für Französisch?“, erhielten leider keine ergiebigen Antworten – es wurde ihnen aber auch nicht empfohlen, sich an den für Internationales zuständigen Mitarbeiter zu wenden. (Als ich etwas später dieselben Fragen nochmals stellte, bekam ich zumindest das Visitenkärtchen dieses zuständigen Mitarbeiters, den ich vertrauensvoll fragen könne).

Der Fall „Bastei Lübbe“
Beim zu Bastei-Lübbe gehörenden Baumhaus-Verlag interessierte sich niemand für das Kind, welches versuchte herauszufinden, welches der Bücher aus dem Verlagssortiment es denn interessieren könnten: Die neben ihm stehende Verlagsdame fand es offensichtlich spannender, Ausschau nach potentiell „hohen Messetieren“ zu halten und „nebenbei“ von sich aus Smalltalk mit Erwachsenen, die am Regal vorbeikamen, zu versuchen; sie hielt es jedoch während seiner Zeit dort beim Regal anscheinend keinesfalls für freundlich, sinnvoll, erforderlich oder gar für fruchtbringend, sich mit dem offensichtlich buchinteressierten, suchenden Menschen unter 1 Meter 30 neben ihr zu unterhalten oder diesem gar ihre sicherlich qualifizierte Sortimentskenntnis anzubieten.
Besonders diese Beobachtungen bei Bastei Lübbe / Baumhaus waren es denn auch, die mich spontan veranlassten, aus meinem eigentlich „privaten“ Aufenthalt auf der Buchmesse diese subjektive Miniberichterstattung erwachsen zu lassen: So entschied ich mich, just an diesem Stand mit meinen verlagsseitig allein gelassenen Kindern noch etwas länger zu verweilen, einige Titel kurz durchzusprechen und weiter zu beobachten, ob sich irgendwann vielleicht jemand für uns interessieren würde. Wir, Normalos, Endverbraucher, auf der Buchmesse – zwei schnöde Kinder und eine Mutter, ohne offen getragenen Wichtiganstecker, Verlags- oder Presseausweis (mein Jackentascheninhalt interessierte natürlich niemanden).
Während an unserem Nachbartisch anscheinend der Verlagschef einige Häppchen und edle Getränke in netter Runde einnahm, besprachen wir durchblätternd einen Stapel Verlagstitel: Aus den Regalen geholt hatten wir unter anderem Mein Leben als Superagent, Wookie und Liona Lix. Der Große las in einige Bücher wie schon zuvor kurz hinein, legte sie weg, verglich. Bemerkte, dass ihm Liona Lix von der Auswahl am besten gefiele – unter anderem, weil da nicht ständig so künstliche englische Wörter, die gar nicht in den deutschen Text passen, drin seien; außerdem sei die Heldin seinem ersten Eindruck nach nicht so gegen Lernen und Lesen und weniger angeblich cool als manche Hauptpersonen in den anderen Büchern, in die er kurz hineingelinst hatte. (Interessant übrigens, dass das Buch online als Mädchenbuch bezeichnet wird, nur weil die Hauptperson ein Mädchen ist. Dürfen Jungs keine Geschichten mit Mädchen als Hauptpersonen lesen? Aber nun ja.)
Während der Große also in die Geschichte von Liona Lix eintauchte, wollte die Kleine mit mir „Mein Hamster ist ein Matheass“ lesen, und da uns diese Geschichte amüsierte, lasen wir das Büchlein auch gleich vor Ort durch. Abgesehen wiederum von einigen unnötigen, die Handlung nicht voranbringenden, aber den Lesefluss von Zielgruppenkindern „ab sieben Jahren“ eventuell störenden Anglizismen gefiel uns die witzige, schnelle Geschichte wirklich gut (ich las sie vor). Diese Empfindungen und Bemerkungen konnten wir dann zum Ende hin tatsächlich noch in einem kurzen Verlagsgespräch, welches ich aktiv erbeten hatte, einbringen; dennoch, das Desinteresse an der „normalen Öffentlichkeit“, zu welcher wir gehörten, und noch viel mehr das Desinteresse an bücherinteressierten Kindern blieb für mich an diesem Stand leider besonders frappierend.


Inkognito-Recherche

Nach etwa fünf Stunden auf der Buchmesse, die wir uns ausschließlich innerhalb der „Kinderbuchhalle 3.0“ aufhielten, ging ich dazu über, nicht mehr so sehr die Interaktion von Verlags-Stand-Betreuern mit (nicht nur) meinen Kindern zu beobachten, sondern begann, diese mit meinen Beobachtungen an ihren und anderen Ständen direkt zu konfrontieren. Ich fragte auch an einigen Ständen gezielt nach, wie denn die Vorbereitung der für die Öffentlichkeit zugänglichen Messetage und insbesondere auf die dann vor Ort anwesenden Kinder stattgefunden habe. Abgesehen von Verweisen auf die üblichen Giveaways blieb die Aussage jedoch meist mau. Mehrere Mitarbeiter unterschiedlicher Verlage sagten mir (teils mit rollenden Augen) im so entstehenden persönlicheren Gespräch, sie würden es begrüßen, wenn die Messe überhaupt für die Öffentlichkeit geschlossen würde und nur noch als Fachmesse angelegt wäre. Eine Dame bemerkte, dass ihr die Unwucht zwischen Endverbrauchern, die sie, O-Ton, „oft nur abfertigen“ würde, und, O-Ton, „echten Partnern, die für den Verlag wichtig“ seien, schon auffiele, aber, O-Ton, „da können wir auch nicht anders“. Sie kritisierte ihrerseits den Platz, der den Kinderbüchern überhaupt nur zugestanden wurde – „wir sind hier eingequetscht zwischen den Kochbüchern und den Comics für unterschiedliche Altersgruppen, da können wir manche Angebote auch nicht machen“, und stellte fest, dass es am Folgetag noch schlimmer würde, denn: „Am Sonntag ist dann ja auch noch der Verkauf. Letztlich bringt das den Messeständen nur noch mehr Stress und geht außerdem an den Buchhandlungen vorbei.“
Gruselig fand ich in diesem Zusammenhang übrigens die Feststellung, wie sehr sich an manchen Ständen das Verlagsverhalten meinen Kindern gegenüber änderte, sobald ich Rechercheabsichten andeutete. Da ging plötzlich eine Erwachsene direkt auf die Knie, um „besonders gut“ mit meinen Kindern (die nach nunmehr etwa 6 prallen Stunden auf der Buchmesse eigentlich „durch“ waren) reden zu können; plötzlich gab es noch Geschenkchen aus tieferen Schubladen, hinteren Regalen,… – aber natürlich nur für diese Kinder. Eine grundsätzliche Änderung in der Denkweise und Annäherung sieht meines Erachtens nach anders aus.

Berechtigte Kritik
Der Kritikpunkt, sich der eigentlichen Zielgruppe der Bücher, nämlich den Kindern, nicht oder nicht ausreichend zuzuwenden, wurde teilweise durchaus überrascht, aber manchmal auch mit Offenheit und Interesse angenommen. So hatte ich sehr gute Gespräche u.a. mit Menschen vom NordSued-Verlag oder zum Beispiel auch bei Langenscheidt, wo sich meine Ansprechpartnerin auch hinsichtlich der Kritik an den mit „Girls in love“ und „Boy zone“ betitelten Buchreihen zumindest offen ansprechbar zeigte. Beim NordSued-Verlag fing die nette Verlagsbetreuerin gleich an, darüber nachzudenken, wie sie denn die Titel trotz ihres sehr begrenzten Platzes noch besser auch mit Kindern vor Ort besprechen könnten – und erläuterte, dass sie zumindest versucht hätten, wenn mehrere Kinder am Stand gewesen seien, „kurz mit ihnen zu lesen oder ihnen auch mal gezielt ein Buch vorzuschlagen“.

Mein persönlicher Eindruck, dass es einem Großteil der Kinderbuchverlage nicht oder nur in sehr begrenzter Weise gelang, sich ihrer Zielgruppe sinnvoll und mit Kinder nicht unterschätzendem Niveau zu präsentieren, wurde übrigens unter anderem auch von einer Person des Arbeitskreises für Jugendliteratur e.V. bestätigt. Dieser Arbeitskreis soll hier noch einmal ausdrücklich gewürdigt werden, denn zumindest in diesem können sich Kinder aktiv in die literarische Auseinandersetzung einbringen und als Teil der Jugendjury unter Umständen sogar ein Buch mit einem Literaturpreis auf der Buchmesse auszeichnen.

Fazit
Meine Kinder hatten, aller Kritik zum Trotze, am Ende mehr Spaß als Frust auf der Buchmesse, und sie wurden vielfach beschenkt, was sie durchaus freute. Ich bin mir aber sicher, dass nicht das der Hauptgrund für sie ist, wieder hin zu wollen: Fürs nächste Jahr hat der Große vielmehr schon jetzt angekündigt, sich vorher noch mehr Fragen auszudenken, „damit die merken, dass die Kinder sich echt für die Bücher interessieren“. Ich hoffe sehr, dass die Verlage auch durch kritische Berichte wie diesen hier aufmerken und sich trotz aller nachvollziehbaren Angenervtheit an den Tagen, an welchen die Messe anstrengenderweise für die Öffentlichkeit geöffnet ist, genau überlegen, wie und wem sie sich präsentieren wollen und sollten. Zumindest in diesem Jahr wurde hinsichtlich der Zielgruppenansprache meines Erachtens nach Potenzial deutlich verschenkt. (Übrigens, in eigener Sache: Aufgemerkt, Verlage – für die Erstellung kreativer literaturorientierter Materialien stehe ich zur Verfügung, denn auch ich bin im besten Sinne käuflich.)

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