Mitfahrgelegenheit

Morgens, mal wieder kurz vor knapp. Unten an der S-Bahn-Treppe höre ich schon das „Türen schließen“. Sprint. Der Zugführer steht noch mit einem Bein vor seinem Fahrerhäuschen. „Darf ich noch schnell rein?“ „Na, aber denn nur bei mir!“ Ich bremse irritiert. „Wie, jetzt wirklich?“ „Ja, aber zacki!“ Hechtsprung durch die offene Fahrertür.
„Aber nur eine Station! Und nicht weitersagen, nicht dass der Herr Mehdorn..“
„Nee, nur meinem Sohn, der ist knapp fünf, okay?“
„Na ditt is keen Problem, bis der ma soweit is, is der Mehdorn eh nich mehr.“
„Jut, na denn, da sind wa schon. Schön’ Tach noch, wa? Und allzeit jute Faht“
„Ihnen auch – und nochmal danke fürs Mitnehmen!“
Und da heißt es immer, der Berliner alljemeen wär so’ne kaltschnäuzige Persönlichkeit. Nüscht! Berlin, mein Berlin!

Die Akkordeonspielerin

Die Massen strömen zur Arbeit, Morgen für Morgen, Tag für Tag. Durchspülen die Straßen der Stadt, drängen in die Bahnen und sprudeln wieder aus ihnen heraus. Mittendrin auch ich, wenn ich morgens gegen neun im Fluss der Arbeiterbewegung die S-Bahn-Brücke am Schiffbauerdamm überquere. Und unter dieser Brücke fließt wie gehabt die Spree.

Es ist keine schöne Brücke: lang, grau, überdacht durch eine weitere, auf der die S-Bahnen dröhnend über den Köpfen schweben. Nicht gemütlich, ein Übergang, den man eben nutzt, da er zum Ziel führt. Und doch – genau auf dieser Brücke gibt es etwas, das man verpasst, wenn man einen anderen Weg über den Fluss wählt: die Akkordeonspielerin. „Die Akkordeonspielerin“ weiterlesen

Pariser Verhältnisse

Irgendwer tut es immer. Ob „le métro“, „le RER“, die Straßenkehrer, die Müllfahrer oder das Lehrpersonal – in Paris, so jedenfalls das Klischee, ist Streik ein Grundzustand. Und wenn ausnahmsweise einmal wirklich nicht gestreikt wird, dann wird jedenfalls garantiert irgendwo die halbe Stadt mit einer großen „manif’“ lahm gelegt. „Pariser Verhältnisse“ weiterlesen

Ekel

Das elendige Leid der Hauptstadt ist die Leidenschaft Ihrer Bewohner zu kläffenden Vierbeinern, und zwar, so scheint es mir, besonders gern in der großen Ausgabe. Eigentlich logisch, denn: Wenn es stimmt, dass die Berliner eine so große Schnauze haben, wie ihnen so gern unterstellt wird, und es auch stimmt, dass Hund und Herrchen sich für gewöhnlich ähneln, dann ist es wohl mehr als naheliegend, dass an der feuchten Hundeschnauze ein nicht zu unterschätzendes Stück Tier dranhängen muss. „Ekel“ weiterlesen

Verkehrsmeditationen

Wer Kinder hat oder einen stressigen Job -oder noch besser und-, der versteht aus persönlicher Erfahrung, was der Postkartenspruch

‚Das Leben ist einfach: Wir rennen hin und her, und eines Tages sind wir tot‘

bedeutet. Hin und her, her und hin, von Pontius zu Pilatus, fleißig wie der Hamster im Rad. Und irgendwann fällt er um. „Verkehrsmeditationen“ weiterlesen

Fahrende Mauern

In der Bernauer Straße verlief bekanntlich einst die Berliner Mauer, glanzloses Bauwerk mit dramatischer Wirkung. Heute erinnert in selbiger Straße zumindest auf den ersten Blick nicht mehr viel an die einstige Trennwand. Die Straße wurde generalüberholt und verbreitert, die angrenzenden Häuser, an denen einst Fenster mit Backsteinen zugemauert wurden, sind mit schicken Glasfronten und nachträglich installierten, modernen Dachterassen aufgehübscht worden. Von Stacheldraht ist nichts mehr zu sehen, und Schäferhunde patrouillieren dort höchstens noch beim Gassigang mit Herrchen oder Frauchen.
Und doch:
Wenn man mit dem Auto durch die Bernauer Straße fährt und dann links an der neuen Ampel in die Wolliner Straße einbiegen will, kann es einem bei entsprechender Verkehrslage passieren, dass man sich kurzzeitig wie eingemauert fühlt. Die Linksabbiegerspur befindet sich nämlich mittig zwischen den Straßenbahngleisen, und genau dort wartet man dann also auf grün. Wenn es nun BVG-Fahrplan und Berliner Verkehr zufällig gerade so wollen, dass just in einem solchen roten Linksabbiegermoment in beide Richtungen geradeaus eine Straßenbahn kommt, so steht man da. Mittig zwischen den Gleisen, und links und rechts zieht eine fahrende Mauer vorbei.
Ich für meinen Teil war gestern froh, als mir an beschriebener Ampel ebendieser Gedanke kam, aber zum Glück keine Tram, und ich also einfach abbiegen konnte, ganz ohne Mauern (gleich welcher Art).

Im Winter wird es heiß!

Wer seinen Körper gesund erhalten und sein Abwehrsystem stärken will, ohne kilometerweit durch den Großstadtdschungel zu rennen oder ähnlich absurde Aktivitäten auszuführen, wird sich, schon allein des Aufwärmfaktors in der kalten Jahreszeit wegen, vermutlich mit dem Gedanken an regelmäßige Saunabesuche tragen.
Ich für meinen Teil bin früher (ja, mit knapp achtundzwanzig kann nun auch ich solche Dimensionen anführen…) regelmäßig in die Sauna gegangen und empfand dies insgesamt als sehr wohltuend und sinnvoll. Allerdings, diese Anekdote darf erzählt sein, entschied ich mich damals schon für eine reine Frauensauna, da ich bei einem der wenigen Mischsaunabesuche die sicherlich völlig hintergrundsfrei gestellte Frage eines nackten Opis, ob ich ihm mal „den Rücken abschrubben könnte“, doch irgendwie nicht wiedererleben wollte. Diese Einschränkung behielt ich seitdem mangels Bedarf an neuerlichen Missverständnissen bei, und in den letzten Jahren kann ich die Anzahl der tatsächlich in die Tat umgesetzten Saunabesuchsvorhaben eh an meinen Fingern abzählen (genau genommen an einer Hand).
Nun begab es sich aber im letzten Winter, dass ich „Im Winter wird es heiß!“ weiterlesen

Schöne Aussichten

Einer meiner Lieblingsorte in Berlin ist der Schwedter Steg. Dabei handelt es sich, wie Ortsunkundige vielleicht meinen könnten, nicht etwa um einen romantisch an einem stillen See gebauten, schilfumsäumten Bootssteg, auf dem man sich niederlassen und mit den Füßen im Wasser strampeln kann (auch wenn ich diese Idee zugegebenermaßen recht verführerisch finde, bei 28 Grad Außentemperatur). Nein, der Schwedter Steg, gelegen genau am Dreiländerdreieck Mitte-Prenzlberg-Wedding, ist eine Brücke an einer Brücke. „Schöne Aussichten“ weiterlesen

Die orientalische Methode

Mangels Platz im auserwählten Schnippelladen wagte ich mich gestern zum Herren-Coiffeur in unserer Straße. Ich wollte ja schließlich eine Kurzhaarfrisur, so ganz falsch konnte ich da nicht sein. Die Begrüßung nach meiner Frage, ob das denn ginge, war herzlich: „Natürlich, kein Problem. Augenbrauen zupfen auch gleich noch?“
Hmmmmm, war das jetzt ironisch gemeint? Oder sah ich wirklich so schlimm aus?? Ich schluckte erst einmal und entgegnete selbstbewusst, dass ich das normalerweise allein machen würde. Daraufhin nahm der arabisch angehauchte Friseur meine Brauen aus der Nähe in Augenschein, runzelte die seinigen und meinte nur „Na, ganz okay.“ Ich schluckte nochmals und nahm mutig Platz.
Zu meiner Ehrenrettung stellte sich dann heraus, dass „Die orientalische Methode“ weiterlesen