Kinderarztbeobachtungen: IGeL, Impfungen und Medizin für alle

medikamente_blogMit einem Drittkind, das 13 Jahre jünger ist als das Erstkind, sieht man ja doch einiges, was sich verändert hat bei den medizinischen Empfehlungen. Schon die Unterschiede zwischen K1 und K2 waren erstaunlich (bei K2 war z.B. das zentral erfasste Baby-Hörscreening gerade neu). Und nun erleben wir noch viel mehr Unterschiede – die uns zum Teil erst den Kopf schütteln und dann mit den Ohren schlackern lassen. Und manches „darf“ man ja gar nicht aussprechen.

Ein paar Beispiele?

1) Arzneimittelfreiheit? Oder so ähnlich…

Das Bundesgesundheitsministerium schreibt es dick und fett auf seine Webseite:

Keine Arzneimittel-Zuzahlungen für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren
Wie in vielen anderen Bereichen der gesetzlichen Krankenversicherung gibt es auch bei der Arzneimittel-Zuzahlung ein wichtiges Signal an die Familien: Kinder unter 18 Jahren sind von allen Arzneimittel-Zuzahlungen befreit.

War auch schon bei meinen beiden Großen so – und da klappte das auch. Es hat sich aber anscheinend was geändert inzwischen, denn: Als ich neulich nach der ersten Impfung mit dem Rezept für ganz niedrig dosierte Baby-Paracetamol-Zäpfchen in die Apotheke ging, wurde mir freundlich erklärt, ich müsse 90 Cent zuzahlen. Denn die Krankenkassen würden nur Betrag x erstatten, die Pharmakonzerne würden jedoch Betrag y von den Apotheken verlangen, und das decke sich nicht, es gäbe auch kein Alternativpräparat, blablabla…

Lag es am Rezept? Lag es an der Apotheke? Am Prenzl’berg? Oder läuft hier mit kleinen Beträgen in großem Stil irgendwas falsch und am politisch eigentlich Gewollten vorbei? Ich meine: Bei circa 700.000 Babys pro Jahr in Deutschland (2015 waren es 738.000) macht das allein für „Fieberzäpfchen-Zuzahlungen“ fast 700.000 Euro aus, die irgendwer – Apotheken? Pharmakonzerne?..? – an den gesetzlichen Regelungen vorbei irgendwie einsammelt. Im Kleinen sicherlich für viele ein Kleinbetrag, im Großen ’ne Menge Holz. Irgendwie… na doch mindestens eigenartig. Soll das so? Muss das so?

2) Abzocke? Medizinisch „empfohlene“ Baby-IGeL

Bei der U4 meinte die geschätzte Kinderärztin, dass unser Drittes wohl eine Verspannung im Nacken hätte. Ich sagte gleich, dass ich dies eigentlich nicht glaube, aber sie überwies und zu einem Osteopathen und meinte, es wäre doch gut, das abzuklären. Wir bekamen einen richtig echten Überweisungsschein und vereinbarten nach einigem Hin- und Herüberlegen einen Termin.

Warum die Überlegungen?

Nun, beim Erstkind hätten wir, damals noch in Ausbildung und Studium, das durchaus gern machen lassen aufgrund einer recht heftigen Geburt und dem Angelesenen nach durchaus erkennbaren Auswirkungen dieser auf des Kindes Knochen- und Muskelapparat sowie auf sein Gemüt. Aber die Behandlungsmethode war in der Form noch nicht wirklich etabliert hierzugegend, es gab da keine Kinderarztempfehlung (oder gar -überweisung), sondern eher ne im Arztgespräch kritisch hochgezogene Augenbraue. Letztlich haben wir uns damals also dagegen entschieden, ohne jemals sicher gewesen zu sein, dass dies die richtige Entscheidung war (übrigens eine der Hauptschwierigkeiten an diesem ganzen Elterndings, bei allem..).

igelchenBei K3 erschien uns die Annahme einer Verspannung eher absurd (so ein ENTspanntes Kind hatten wir noch nie..!). Trotzdem will man ja auch als Dritteltern alles richtig machen – und die Sprechstunden-Termin-Dame am Telefon der von der Kinderärztin empfohlenen Osteopahie-Praxis antwortete auf meine nochmalig zweifelnde Telefonfrage dann auch mit irgendwelchen Sachen von wegen „Kommen Sie und lassen Sie es wenigstens kontrollieren!, langfristige Auswirkungen, Bewegungseinschränkungen,…“ Na gut. Und wir hatten ja auch diese offiziöse Überweisung. Diesen Schriebs, auf dem eben stand, dass das ja notwendig wäre.

Angekommen in der Praxis sollte ich dann noch einen Zettel mit Daten ausfüllen. Okay, kein Problem, nur die letzte Zeile machte mich stutzig: Da stand, dass die Adresse erforderlich wäre für den Rechnungsversand. Huch? Hatten wir nicht eine Überweisung? „Na aber es steht doch auf unserer Webseite, dass die Säuglingssprechstunde eine IGeL-Leistung ist!“ Hoppala. DA war ich doch ein bisschen, äh – überrascht.

Ja, ich finde, dass die Krankenkassen und damit die Allgemeinheit nicht alle möglichen medizinischen Leistungen tragen müssen. Aber ich finde auch, dass sowohl eine überweisende Kinderarztpraxis ausdrücklich erwähnen sollte, ob eine Leistung medizinisch notwendig oder ein nettes Extra ist – und eben im Falle eines „Extras“ sowohl die Nichtnotwendigkeit (und wenn sie nur aus Krankenkassensicht nicht notwendig ist!) wie auch auch den unmittelbaren Direktkostenfaktor erwähnen muss. Ebenso wäre es ein Leichtes für die Praxis, bei der die Behandlung stattfinden soll, bei der telefonischen Terminvereinbarung auf die „IGeL-„Leistung“ des Termins hinzuweisen, nicht nur irgendwo am Rande auf der Webseite.

Ich entschied mich – zugegebenermaßen etwas angepisst ob der Überrumpelung – vor Ort dann jedenfalls trotzdem für eine Untersuchung des Kindes, wie gesagt, alles richtig machen und so. Und siehe da: Das Kind lachte und quietschte, der Doc befand es für entspannt und unauffällig – und die Sprechstundendame erklärte am Ende mit spitzen Lippen, nun ja, in diesem Fall würden Sie es dann doch über die Krankenkasse… Wie das jetzt? Keine Ahnung. Etwas suspekt ist mir das alles geblieben, egal, wohin jetzt welche Rechnung geht. Und ja, ich werde da sicherlich auch beim nächsten Kinderarztbesuch noch mal was zu sagen, so sehr ich die Praxis, in der wir uns seit Jahren gut aufgehoben fühlen, schätze.

3) Impfungen: Gesundheitsvor-/fürsorge versus Kritikkritik

spritze_blogAu weia, jetzt „DAS“ Thema, bei dem man, egal welche Position man bezieht, eigentlich bloß wahlweise anderen auf die Füße oder aber in Fettnäpfchen treten kann. Ich versuche es dennoch mal, denn manches, was ich derzeit in noch verstärkterer Form als vor 13 Jahren beobachte, stößt mir tatsächlich ziemlich bitter auf und/oder lässt mich (noch) irritiert(er) zurück (als damals):

Ist es eigentlich korrekte Normalität, dass anscheinend viele Kinderärzte zur Aufklärung über die derzeit gängigen und empfohlenen Impfungen den Eltern bei der ersten Vorsorgeuntersuchung schlicht und einfach schön bunte Infobroschüren mitgeben, die von Pharma-Konzernen herausgegeben werden? So erlebt von so ziemlich allen derzeitigen Baby-Eltern in meinem Umfeld, was natürlich keine fundierte empirische Beobachtung darstellen kann, schon klar.. In den Broschüren wiedergegebene STIKO-Empfehlungen hin oder her: Ich finde das doch eine ziemlich fragwürdige Praxis…

Ist es eigentlich korrekte Normalität,
dass in den U-Heften jetzt inzwischen Etiketten eingedruckt werden mit (den frühestmöglich empfohlenen) „Impfterminen“ für das jeweilige Kind, sodass die eigentlichen Impfempfehlungen plötzlich wie gesetzte Pflichttermine erscheinen? Und wieso weichen die Impfempfehlungen in Europa zwischen den Mitgliedsländern eigentlich so voneinander ab, sowohl was die Häufigkeit bis zur angenommenen Immunisierung angeht als auch hinsichtlich der Risiko-Nutzen-Abwägung?
Ist es korrekte Normalität, dass beim Thema Impfen immer öfter quasi als Totschlagargument die „soziale Verpflichtung“ über den „Herdenschutz“ herangezogen wird, obwohl dies für mehrere der Krankheiten, gegen die geimpft werden kann und soll, so wohl nicht zutrifft (für Masern bspw. schon, nicht aber z.B. für Keuchhusten, siehe WHO – das macht die Impfung ja nicht weniger sinnvoll, aber das Argument stimmt eben einfach nicht..)?

Ist es korrekte Normalität,
dass Kinder hierzulande inzwischen z.B. auch gegen Rotaviren geimpft werden, obwohl hierzulande das Sterblichkeits-Risiko der Krankheit auch ohne Impfung niedrig ist und eine professionelle Akutbehandlung im natürlich in der Tat mega-ätzenden heftigen Einzelfall ggf. deutlich kostengünstiger für die Gesamtgesellschaft ist als die flächendeckende Schluckimpfung?
Bin ich ein neoliberales Schwein, wenn ich sowas denke? Ich meine: Wenn das für diese Impfkosten verbrauchte Geld z.B. in medizinische Entwicklungshilfe und ROTA-Impfprogramme gehen würde stattdessen, wären dann nicht viel mehr der ca. 527.000 Kinderleben bewahrt, die diese Krankheit weltweit pro Jahr etwa kostet? Und ist es korrekte Normalität, dass ich diese Gegenüberstellung aus irgendwelchen pseudomoralischen Gründen vermutlich eigentlich nicht machen „darf“?

Mir fallen noch etliche weitere „korrekte Normalität-Fragen“ ein, aber mein Fazit ist schon jetzt klar:

Ich bin superdankbar dafür, dass meine Kinder geimpft und vor schlimmen Krankheiten geschützt werden können und dass dies sogar noch von der allgemeinen Gesundheitsfürsorge übernommen wird. Das ist ein riesiger Luxus. Aber ehrlich mal: Trotzdem sollte doch auch klar sein, dass in einem kapitalistischen System auch bei Gesundheitsthemen wirtschaftliche Interessen jedenfalls MIT eine Rolle spielen – und deshalb empfinde ich es eigentlich als selbstverständlich, bei aller Dankbarkeit und Impfbereitschaft auch bei diesem „heißen Eisen“ kritisch zu bleiben, sie so gut wie mir möglich zu hinterfragen und vielleicht auch das eine oder andere Mal möglichst undogmatisch um die Ecke zu denken. Beim Thema Impfen ist aber meinem Eindruck nach inzwischen schon bloßes Ansprechen „noch mehr“ tabu als vor 13 Jahren, selbst in sich sonst als reflektiert und doktrin-ungläubig verstehenden linksliberalen Kreisen. Und diese Entwicklung, so ähnlich wie auch undifferenziert hervorgebrachte Forderungen nach einer allgemeinen Vorsorgeuntersuchungs-Verpflichtung und vieles mehr, sollten wir gemeinsam vielleicht wirklich (mal, endlich oder wieder) äußerst kritisch betrachten…

Bilder gefunden auf Pixabay – vielen Dank!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *