Big Parents Are Watching You

Nachstehenden Artikel habe ich für die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift unerzogen verfasst, die seit letztem Samstag in den Bahnhofsbuchhandlungen erhältlich ist und ansonsten auch als digitales Magazin hier abrufbar ist. Das Thema der aktuellen Ausgabe lautet: Vertrauen ist gut – Kontrolle ist schlechter: Sichere Bindungen in der Familie.

Wer den Artikel lieber in Zeitschriftenformat digital lesen möchte, kann ihn hier auch als pdf mit Bildchen und in schöner Setzung kostenlos abrufen.

Big Parents Are Watching You.
Von Klein auf überwacht: Freiheitseinschränkungen in einer technisierten Kindheit

Aktuell gibt es beim Umgang mit Kindern in unserer Gesellschaft einen Trend, der sich aus der Sorge um das Wohl der lieben Kleinen nährt, aber mindestens bezogen auf die Würde der Kinder als fragwürdig, wenn nicht sogar als gefährlich einzuschätzen ist: nämlich den Trend, zu Gunsten der Sicherheit der Kinder deren Freiheit dramatisch zu beschneiden. Hauptargument bei diesen Freiheitseinschnitten ist der Wunsch der um das Wohl ihrer wenigen Sprösslinge besorgten Gesellschaft, die Kinder vor vermuteten Gefahren zu schützen. Dies erscheint vielleicht zunächst nachvollziehbar, jedoch: Ohne Raum für eigene Erfahrungen, ohne Raum für Eigenverantwortung können sich Kinder nicht entwickeln. Zu viel Sicherheit schränkt ein, bremst, unterdrückt. Oder nach dem Pädagogen, Kinderarzt und Autor Janusz Korczak, der sich bereits in den 1920er Jahren für Kinderrechte einsetzte: Freiheit bedeutet zwar weniger Sicherheit, hat aber dieser gegenüber einen höheren Wert.(1)


Freiheit? Für Kinder (erst recht) nicht.

Dieser Wert der Freiheit, der übrigens auch politisch einer kontroversen und derzeit schwierig geführten Diskussion ausgesetzt ist, wird Kindern gegenüber jedoch bis heute regelrecht negiert. Dies schlägt sich bis in Fragen des technisch Möglichen nieder: Techniken der Überwachung und Spähmaßnahmen, die, gegen Erwachsene eingesetzt, einer datenschutzrechtlichen Prüfung nicht ohne Weiteres standhalten würden, werden gegen Kinder in respektloser Weise eingesetzt.
Gibt es hierfür eine angemessene Rechtfertigung, die so schwer wiegt, dass sie solche Maßnahmen erforderlich macht? Oder ist dies vielmehr nur ein weiterer der vielen Auswüchse der aktuellen ‚Sicherheitsdebatte‘, in welcher ein Streben nach Sicherheit und allgegenwärtiger Kontrolle jegliche freiheitlichen und demokratischen Strukturen aushebelt?

Um dies zu klären, muss zunächst Folgendes untersucht werden: Sind Kinder überhaupt in dem Maße, wie es allgemein angenommen wird, von Gefahren bedroht? Nur dann wäre ja überhaupt die Überlegung relevant, wie mit einer solchen Gefährdung umzugehen ist und wie Kinder vor ihr geschützt werden können. Betrachten wir zur Beantwortung dieser Frage zunächst den öffentlichen Raum und hier insbesondere die als Hauptsorgen von Eltern angeführten Risiken ‚Unfälle im Straßenverkehr‘ sowie ‚Entführungen, Vergewaltigungen und Misshandlungen‘ von Kindern, die sich in diesem Raum selbständig bewegen dürfen.

Risiken im Straßenverkehr

Die Annahme, dass Kinder im Straßenverkehr gefährdeter seien als früher und deswegen in ihrer Freiheit, sich selbständig im öffentlichen Raum zu bewegen, stärker eingeschränkt werden müssten, ist so nicht haltbar: Verkehrsunfälle haben insgesamt in den letzten Jahrzehnten deutlich abgenommen und sind dem Statistischen Bundesamt zufolge nunmehr auf dem niedrigsten Niveau seit den 1950er Jahren. Für 2008 weist die entsprechende Verkehrsstatistik für die Gesamtbevölkerung sowohl die niedrigste Gesamtzahl von Verkehrstoten als auch die seitdem niedrigste Verkehrstotenquote(2) aus; die bisher vorliegenden Daten für Teile des Jahres 2009 lassen eine nochmalige Absenkung dieser Werte für das aktuelle Kalenderjahr erwarten.
Dieser Rückgang ist den Untersuchungen des Statistischen Bundesamts nach auf verbesserte Straßenführungssysteme wie Ampeln, Fußgängerbereiche, Geschwindigkeitsabsenkung in Zonen mit hohem Fußgängerbetrieb, auf die verbesserte Sicherheitsausstattung in den Fahrzeugen (Brems- und Rückhaltesysteme, Airbags) sowie auf erfolgreiche Verkehrserziehungsmaßnahmen zurückzuführen.
Die Anzahl der Verkehrsunfälle, an denen Kinder beteiligt sind, ist analog zu den bereits untersuchten allgemeinen Verkehrsdaten
seit Jahrzehnten rückläufig und bewegt sich ebenfalls auf dem niedrigsten Niveau seit den 1950er Jahren. Es ist zwar richtig, dass bei Todesfällen von Kindern, die einem Unfall nachfolgen, Verkehrsunfälle den höchsten Anteil haben; dennoch sind Kinder im Straßenverkehr nicht über die Maßen gefährdet, sondern Verletzungen und erst recht Todesfälle im Straßenverkehr sind auch bei Kindern aus den bereits angeführten Gründen rückläufig. Von den Unfällen, die Schulkinder im Straßenverkehr betreffen, sind einer Studie aus dem Jahr 2007 von Dr. Gabriele Ellsäßer für das Landesgesundheitsamt Brandenburg zufolge zudem die Hälfte überhaupt „keine Straßenverkehrsunfälle im eigentlichen Sinn, d. h. Kollision mit einem Transportmittel. Vielmehr haben sich die Schüler überwiegend beim Gehen/Laufen auf Gehweg, Haltestelle und Fahrbahn infolge von Hinfallen verletzt.“
Es gibt also statistisch keine auffälligen Anhaltspunkte dafür, dass eine Freiheitseinschränkung oder gar geheime Überwachung von Kindern aufgrund dramatisch erhöhter Risiken im Straßenverkehr erforderlich oder sinnvoll wäre. Vielmehr ist erwiesen, dass verbesserte Fahrzeugsicherheit, städtebauliche Maßnahmen und umfassende Aufklärung in Fragen der Verkehrssicherheit zu den aktuell niedrigen Unfallraten bei Kindern wie bei Erwachsenen geführt haben. Zur noch weiteren Absenkung von Straßenverkehrsunfällen mit Kinderbeteiligung sind also nicht Unterdrückung von Bewegungsfreiheit und Überwachung von Kindern im öffentlichen Raum, sondern ein an kindlichen Belangen orientierter Städtebau sowie das frühe und ausführliche Einüben von angemessenen Verhaltenskompetenzen im Straßenverkehr das A und O.

Entführungen und Gewalt
Genauso wenig lässt sich nachweisen, dass ein im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen stark erhöhtes Risiko von Misshandlung oder Entführung von Kindern im öffentlichen Raum besteht. Ein Blick in die Polizeilichen Kriminalstatistik-Zeitreihen 1987 bis 2008 des Bundeskriminalamts zeigt: Auch Kinder werden zwar zu Opfern von Gewaltverbrechen wie Mord, Mord im Zusammenhang mit Sexualdelikten, Sexualdelikten unter Gewaltanwendung, Entführungen und ähnlichen furchtbaren Verbrechen; jedoch in zahlenmäßig deutlich niedrigerem Umfang als Erwachsene. Bei Vergewaltigungen und verwandten Delikten ist zwar über die Zahlen hinaus eine hohe Dunkelziffer anzunehmen; ein Großteil dieser dramatischen Taten findet jedoch im direkten häuslichen Umfeld statt und hat insofern keinen Einfluss auf die hier untersuchte Fragestellung. Ähnliches gilt bezüglich der Zahlen für Entführungen, da der Löwenanteil entsprechender Verfahren in Zusammenhang mit Sorgerechtsstreitigkeiten und ähnlichen Problemen steht.
Es geht hier mitnichten darum, den jeweiligen Einzelfall abzuwerten oder zu negieren. Für sich genommen ist zweifelsohne jeder Fall, in dem es zu Misshandlungen gleich welcher Art kommt, furchtbar. Dennoch belegen die ausgewerteten Daten deutlich: Statistisch gesehen ist in Deutschland eine im Vergleich überdurchschnittlich hohe Gefährdung von Kindern durch Gewaltdelikte im öffentlichen Raum nicht nachweisbar, ebensowenig wie ein exorbitanter Anstieg solcher Verbrechen gegen Kinder in den letzten Jahren. Dies wird allerdings in weiten Teilen der Bevölkerung anders wahrgenommen, woraus Ängste und unangemessene Verhaltensveränderungen entstehen.

Die Folgen der Angstfalle

Aus der Angst vor diesen medial inszenierten, empirisch so nicht nachweisbaren Gefahren heraus dürfen Kinder heute in den ersten Schuljahren oft nicht einmal mehr den Schulweg alleine bewältigen, geschweige denn, dass Kinder im Kindergartenalter in der Stadt noch allein erste kleine Wege üben können, z. B. beim Bäcker morgens die Brötchen holen. Es wird ihnen mehr und mehr verwehrt, sich selbständig im öffentlichen Raum zu bewegen. Und das ist nur der Anfang.

Überwachungstechniken
Die technische Entwicklung ermöglicht es nicht nur, in unmäßigem und gefährlichem Maße Daten über Erwachsene zu sammeln: Auch Kinder sind dieser Gefahr ausgesetzt. Das besonders Dramatische in ihrem Fall: Es sind die eigenen Eltern, die doch ihre ureigensten Vertrauenspersonen sein sollten, die, zum Teil sogar heimlich, hinter dem Rücken der Kinder zu Überwachungsmaßnahmen gegen diese greifen. Egal, aus welchen noch so besorgten und gut meinenden Beweggründen dies geschieht: Solche Maßnahmen sind immer mindestens mit dem Risiko verbunden, unausgewogene Machtverhältnisse in den Familien stärken.

Kinderüberwachung im öffentlichen Raum

Die technischen Möglichkeiten zur Standortbestimmung können gezielt zur Überwachung von Kindern eingesetzt werden. Hierbei sind besonders zwei Techniken von Bedeutung: Global Positioning System / Globale Positionsbestimmung via Satellit (GPS) und Radio Frequency Identification / Identifizierung durch radiomagnetische Wellen (RFID).

Standortbestimmung per Satellit: GPS
GPS-Peilsender gibt es inzwischen in entsprechend ausgestatteten Mobiltelefonen, als separate Armbänder oder auch als Geräte in so kleinem Format, dass diese problemlos in unauffälligen Taschen, im Futter des Rucksacks oder ähnlichem versteckt werden oder in Armbänder integriert am Körper getragen werden können. GPS-Geräte fangen Signale von mehreren (in der Regel drei oder vier) Satelliten und berechnen aus diesen Signalen ihre genaue globale Position sowie auch die Geschwindigkeit, mit der sich das Objekt bewegt, an welchem sie befestigt sind. Die so ermittelten Daten können dann weiter übermittelt werden: Die hier untersuchten Geräte senden kontinuierlich Standortmitteilungen an festgelegte Adressen aus: Die Standortmitteilung wird in regelmäßigen Abständen je nach Anbieter per SMS oder E-Mail an die Eltern (oder andere beim GPS-Dienst hinterlegte Empfänger) übermittelt. Die Bewegungen des so überwachten Kindes können auch online in Echtzeit nachvollzogen werden. Auch ein unmittelbarer Datenabgleich mit vorher festgelegten Koordinaten ist durch die genaue Positionsbestimmung möglich: So ist es zum Beispiel kein Problem, ‚Bannmeilen‘ zu bestimmen, also einen Aktionsradius, in welchem sich das Kind frei bewegen darf. Sobald es diesen vorgegebenen Bereich verlässt, löst dies beim Überwachenden einen Alarm mit Standortübermittlung aus. Die Kontrolle der kindlichen Aufenthaltsposition entwickelt sich mehr und mehr zu einem weithin fraglos akzeptierten, praktischen ‚Hilfsmittel‘. Bisher ist der tatsächliche Durchbruch hierzulande zwar noch nicht endgültig gelungen. Der 2006 von Tchibo gestartete Versuch des Vertriebs eines Kinder-Mobiltelefons, in welches ein nicht ausschaltbarer GPS-Empfänger zur konstanten Positionsbestimmung eingebaut war, wurde inzwischen vorerst wieder eingestellt. Es gibt jedoch bereits andere Anbieter, die entsprechende Systeme auf dem deutschen und europäischen Markt zu etablieren versuchen. Eines der neuesten der auch hier vertriebenen Geräte ist ein Handy des Unternehmens MiaVojo, welches hierfür besonders mit der
Raumüberwachung per GPS und einfacher Bedienung wirbt. In den USA erfreuen sich GPS-fähige Handys und vor allem auch Mini-GPS-Geräte bereits hoher Beliebtheit.
Auch in Deutschland ist eine Entwicklung hin zu mehr kindlicher Überwachung durch solche Maßnahmen in den nächsten Jahren leider stark zu vermuten: So zeigten sich beispielsweise bei einer Online-Umfrage der deutschen Initiative Vermisste Kinder etwa 60 % der Beteiligten interessiert an Möglichkeiten der GPS-Ortung von Kindern, wohingegen nur 9 % diese kategorisch ablehnten.

Vertrauensvoller Blick oder genereller Zweifel?
Besonders schockierend im Hinblick auf die Frage nach Vertrauensverhältnissen in Familien erscheinen die Sonderfunktionen, mit denen manche der Sicherheit versprechenden GPS-Peilsender zusätzlich ausgestattet sind. So zum Beispiel der Amber Alert GPS, eines der kleinsten entsprechenden Geräte auf dem Markt, aktuell bisher nur in den USA und Kanada erhältlich – mit diesem Gerät ist auch die Geschwindigkeitsüberwachung und ein Live-Abhören möglich: „Sie werden sofort wissen, dass die Kinder in einem Auto unterwegs sind. Eine tolle Funktion für zu schnelle Teenager.“ Oder zum Abhör-Feature: „Diese revolutionäre Zusatzfunktion ermöglicht es Ihnen, jedwedes Gespräch oder Umgebungsgeräusche mitzuhören.“ Umworben werden diese Funktionen also nicht etwa mit der (wenn auch statistisch nicht begründeten) Sorge vor Entführungen, sondern vielmehr mit tatsächlicher, gewollter Handlungsüberwachung durch die Eltern.
Was bedeutet dies aber? Es zeigt, dass die Hersteller und Vermarkter entsprechender Geräte nicht nur die ausnutzen; mit solchen Techniken werden darüber hinaus hierarchisierte Familienmodelle bedient und verstärkt, in denen Freiheitsrechte von Kindern missachtet werden und die damit gesamtgesellschaftlich durchaus als demokratiefeindlich angesehen werden können.

Unbemerkte Minichips: RFID

RadioFrequencyIDentification-Chips, kleine Speichermedien, auf denen zum Beispiel personengebundene Daten abgelegt werden und mittels radiomagnetischer Wellen ausgelesen werden können, lassen sich ebenfalls zur Kontrolle und Ortung von Personen benutzen. Die sehr kleinen Datenträger können zum Beispiel in Pässe, Ausweise, Eintrittskarten, auf Fahrradhelmen, in Taschen oder in der Kleidung eingebaut oder sogar unter die Haut implantiert werden. Mit den unscheinbaren, von außen nicht selbstverständlich erkennbaren RFID-Minisendern wird im Gegensatz zur GPS-Technik keine direkte Information über die genaue Position und Bewegungsrichtung geliefert, sondern nur über eine auf dem Chip festgelegte Identität, die mittels unscheinbarer Lesegeräte ausgelesen werden kann.
Die Technik ermöglicht damit zum Beispiel die lückenlose Überwachung in bestimmten Bereichen, zu denen ein Zutritt oder Austritt nur über feste Bereiche möglich ist. Dort können dann besagte Lesegeräte installiert werden, die die auf dem RFID-Chip abgelegten Datensatz auslesen und diesen eindeutig zum Beispiel einem Schülerprofil zuordnen. So setzt beispielsweise eine Privatschule in Tokyo schon seit 2004 diese Technik ein, um die Anwesenheit der Schüler im Schulgebäude zu kontrollieren, unangemeldetes Fehlen sofort zu registrieren und an die Eltern weiterzumelden.
Gerade die Kombination von personenbezogenen Daten mit Bewegungsdaten und die somit mögliche Erstellung von umfassenden Bewegungs- und Nutzungsprofilen, die diese Technik unterstützt, ist datenschutzrechtlich äußerst bedenklich. Doch selbst der nur temporäre Einsatz, der vielleicht auch ohne Speicherung weiterer relevanter Daten erfolgt, wie der Einsatz von GPS-Sendern und RFID-Transponder-Armbändern zum einfachen Wiederauffinden von Kindern in Freizeitparks, ist nicht als problemlos anzusehen: Der Technik selbst wird hierdurch nämlich unmittelbar ein Teil der gegenseitigen Verantwortung übertragen, die sonst nur zwischen Menschen besteht, was mindestens moralisch zweifelhaft ist. Dies ist jedoch nur ein erstes von vielen gewichtigen Argumenten gegen den Einsatz entsprechender Ortungstechniken.

Widerstand oder Unterwürfigkeit
Auch wenn eine ständige Ortungsmöglichkeit liebevoll besorgten Eltern hilfreich erscheint: Durch die Ortung wird keine Sicherheit geschaffen, denn ein Schaden kann durch das Gerät selbst ja nicht abgewendet, sondern höchstens ein Auffinden erleichtert werden. Eine solche dauerhafte Ortung stellt – erst recht, wenn sie ohne das Wissen der Kinder durchgeführt wird – eine erhebliche Überwachungsmaßnahme dar, die nicht ohne Auswirkungen bleiben kann.

Autonomieverlust
Wenn die Kinder über die gegen sie eingesetzten Maßnahmen informiert sind, so ist dies zwar die ehrlichere Variante, aber schon diese wird Auswirkungen zeigen: Das Verhalten des beobachteten Menschen wird allein durch das Wissen um das Gerät beeinflusst.
Zunächst einmal kann das Vertrauen in das stetig mitgeführte Gerät gegebenenfalls die Achtsamkeit gegenüber Standort und Gefahrensituationen vermindern. Denkbar ist daraus resultierend, dass der Einsatz solcher Geräte in der Folge sogar zu einer Häufung von Situationen führt, in denen die Ortung beispielsweise durch ein GPS-Gerät erforderlich scheint: weil die Kinder sich auf die Geräte verlassen und mangels Erfahrung die Fähigkeit verlieren oder nicht ausbilden, in einer zunächst unerwarteten Situation selbständig eine passende Lösung zu entwickeln.
Noch viel problematischer ist aber, wie sich die Überwachung des kindlichen Verhaltens auf das familiäre Vertrauensverhältnis auswirken kann: Den natürlichen Impuls zur freien Entfaltung tragen alle Kinder in sich, auch solche, die fortwährend in ihrem Tun kontrolliert werden. Ein Kind, welches von einer heimlichen Überwachung durch seine Eltern erfährt, wird wohl mindestens ein tiefes Misstrauen gegen diese „Vertrauens“personen entwickeln.
Ein Kind, welches verpflichtet ist, ständig ein Mobiltelefon, einen GPS-Peilsender, eine RFID-Chipkarte oder was auch immer bei sich zu tragen, wird früher oder später vermutlich versuchen, diese Techniken zu umgehen, und so Abwehrmechanismen gegen seine Eltern oder sonstige es überwachende Personen entwickeln.
Oder aber, und dies ist aus gesamtgesellschaftlicher Sicht als noch viel schlimmer anzusehen: Ein derartig überwachtes, gegängeltes, nicht selbstbestimmt handeln könnendes Kind wird durch diese Art der Sozialisierung zu einer unterwürfigen, autoritätshörigen Person getrimmt, die der Freiheit keinen Wert mehr beimisst, sondern sie vielleicht sogar als Bedrohung wahrnimmt.
Dass entsprechende Verhaltensveränderungen weder innerhalb einer Familie noch weiter gefasst für eine demokratische Gesellschaft günstig und wünschenswert sein können, dürfte unmittelbar einsichtig sein. Jedoch – der Trend zur vermehrten Überwachung, zur Aufhebung des Schutzes der kindlichen Entwicklung in Freiheit und Selbstbestimmtheit schreitet voran und wird fatalerweise immer wieder mit der besonderen „Schutzbedürftigkeit“ von Kindern begründet.

Wohnraumüberwachung: Der Späher sitzt im Teddybär.
Nicht nur im öffentlichen Raum werden Kinder überwacht: Auch innerhalb der eigenen vier Wände ist es möglich, sie ständig unter Kontrolle zu haben. Zu ihrem Schutz? Zur familiären Belustigung? Geräte aus dem Bereich der ‚Wohnraumüberwachung‘ – Babyphone, Mikrophone, Heim-Überachungskameras, deren Verkauf allgemein mit Sicherheitsaspekten wie dem leichteren Hören des nachts weinenden Kindes begründet werden – stellen eine Büchse der Pandora dar.
Mit Respekt vor der kindlichen Persönlichkeit scheinen die am Markt erhältlichen Geräte nicht viel zu tun zu haben; so wird zum Beispiel auf der Internetseite www.securitycamera.de wie folgt eine ‚Teddybär-Überwachungskamera‘ beworben:
„Mit einer in der Nase eingebauten Kamera und einem Mikrofon in der Brust können Sie immer sehen und hören, was im Kinderzimmer vor sich geht, ohne den Raum zu betreten. Auf diese Weise lassen sich obendrein unbeobachtete Momente von Kindern allen Alters fürs Familienkino einfangen.“
Die Frage nach der kindlichen Privatsphäre wird bei solchen Formulierungen nicht nur ignoriert: Vielmehr werden entsprechende Aufzeichnungen offensichtlich als völlig legitim und selbstverständlich angesehen. Auch gäbe es, je nach Überwachungsbedarf und Inneneinrichtung, noch viele andere Kamera-Varianten: „Auch in weiteren Gegenständen im Kinderzimmer können getarnte Spione untergebracht werden: Stoffelefanten-Kamera, Plüschkätzchen-Kamera (…). Weitere Verstecke im Kinderzimmer: Überwachungskamera im Zimmerpflanzentopf, Sicherheitskamera im Bilderrahmen, Überwachungskamera in der Spiegelumrandung, Spion-Kamera im Bewegungsmelder, Pinhole-Kamera in der Stereoanlage“. Da dürfte wohl für jede Altersgruppe bis zu den Teenagern etwas dabei sein. Ob Eltern jedoch zu solch umfangreichen Eingriffen ein Recht haben sollten, steht auf einem anderen Blatt.

Überwachung in der virtuellen Welt
Wo können Kinder noch unbeobachtet sein, wenn nicht bei Treffen mit den eigenen Freunden oder zumindest in ihrem Zimmer? In der virtuellen Welt wenigstens? Nein: Mit der ‚richtigen‘ Technik sind sie auch hier ihren Schutzpersonen im schlimmsten Fall komplett ausgeliefert, ohne dies zu ahnen.

Der ‚Kindertrojaner‘
Zur Überwachung von Kindern, die sich eines Computers bedienen wollen, gibt es umfangreiche Software; besonders bekannt dürfte inzwischen der CYBERsitter des Unternehmens SolidOak sein, dessen Code es – wenn auch vom Unternehmen aus urheberrechtlicher Sicht hart kritisiert – bis in chinesische Zensurmaßnahmen geschafft hat.
Das US-amerikanische Unternehmen stellt mit dem CYBERsitter und den dazu verfügbaren Zusatzprogrammen nicht nur einen umfassenden Internetfilter bereit, der an entsprechend vorbereiteten Rechnern (nicht nur) Kindern den Zugriff auf bestimmte Internetseiten verwehrt. Vielmehr schreibt die Software des CYBERsitter Keyboard and Activity Monitors im Hintergrund jeden Mausklick, jedes eingetippte Wort heimlich mit und hält tägliche, nach Benutzernamen geordnete Log-Dateien mit allen gesammelten Informationen zum Abruf durch die elterlichen Späher bereit. „So können Sie ganz einfach die Benutzernamen und Passwörter sehen, die ihre Kinder im Internet benutzen. Sie können sehen was sie schreiben, wenn sie Instant Massages versenden oder chatten.“

SnoopStick
Um sicherzustellen, dass Eltern auch auf die Notebooks und ähnliche Geräte ihrer Kinder unbemerkt zugreifen können, hat das Unternehmen zudem einen ‚Schnüffel-Stick‘ entwickelt. Nach einmaliger Installation einer entsprechenden Software, was nach Unternehmensaussage besonders einfach funktioniert und nur 60 Sekunden dauert, lassen sich mittels Snoop-Stick sämtliche Online-Aktivitäten auf dem betroffenen Gerät in Echtzeit von jedem anderen Computer aus unbemerkt beobachten.
Gerade diese Heimlichkeit, diese Intransparenz ist es, die auch werblich in den Vordergrund gerückt wird: „Die SnoopStick-Komponenten sind komplett versteckt und es gibt keinerlei Warnhinweise oder Mitteilungen, dass der Computer überwacht wird.“ Die heimliche, unehrliche Überwachung wird hier also als sinnvolle, völlig legitime und wohl sogar erstrebenswerte Erziehungsmethode angesehen. Hierfür bietet das Unternehmen sogar Hilfen für nicht entsprechend vorgebildete Eltern an: Damit diese nämlich auch bei eventuellen Sprachbarrieren verstehen, worüber sich die Kinder eigentlich in den heimlich mitgeschnittenen Nachrichten austauschen, ist in die Software zudem ein Übersetzungstool integriert: „SnoopStick verfügt sogar über ein eingebautes Wörterbuch mit häufig benutzten Instant Message-Abkürzungen, die automatisch in vollständiges Englisch übersetzt werden, sodass Sie sehen können, was wirklich gesagt wurde!“
Falls die lieben Eltern mit dem Live-Mitschnüffeln zeitlich oder inhaltlich überfordert sind, findet neben der Simultanübersetzung und Echtzeit-Datenübertragung auch eine Aufzeichnung der anfallenden Informationen statt. Die Software speichert die gesammelten Daten zwölf Monate lang.

Und die Folgen?

Wie lange aber speichert sich im Gehirn eines derartig überwachten Kindes die Erfahrung, dass es nirgendwo für sich sein kann? Wie soll ein Kind ein Verständnis für den Wert von Privatsphäre entwickeln, wenn es von Klein auf im schlimmsten Falle in so übermächtiger, umfassender Weise ausspioniert wird?

Vertrauen statt Misstrauen
Es ist dringend notwendig, dass wir uns als demokratische Gesellschaft ausdrücklich davor verwahren, solche Überwachungsmaßnahmen anzuwenden, ob nun gegen Erwachsene oder gegen Kinder. Wenn das Misstrauen gegen die Freiheit überhandnimmt, wird die Freiheit den Kontrollbestrebungen unterliegen, ob nun im Kleinen in der Familie oder im Großen, bezogen auf unsere Gesellschaft als Ganzes. Ohne Freiheit aber sind demokratische Strukturen unlebbar. Freiheit erfordert Vertrauen.
Ein Risiko bleibt immer. Im Gegensatz zur Freiheit lässt es sich nicht wegüberwachen, denn es ist Teil allen Lebens.

Oder, um es mit Erich Kästner zu sagen: „Wird’s besser? Wird’s schlimmer?, fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich.“

(1) Zum Weiterlesen: Korczaks Pädagogische Schriften Wie man ein Kind lieben soll (1919), Das Recht des Kindes auf Achtung (1928), Die Regeln des Lebens (1930) und Fröhliche Pädagogik (1939)
(2) 0,9 Verkehrstote auf 10.000 motorisierte Fahrzeuge für 2008

2 Gedanken zu „Big Parents Are Watching You“

  1. na, da bin ich ja mal gespannt auf das feedback der leser!

    in finnland ist das uebrigens gar nicht so ausgeprägt, eher im gegenteil und dann wieder mit erstaunlich hohen todeszahlen von verunfallten kindern, da sich die eltern nicht verantwortlich fuehlen, sondern der staat ja fuer ALLES zuständig ist..

    puss puss!

  2. Wer in Berlin auf den Hund kommt, oder besser gesagt: auf die Idee kommt, einen solchen halten zu wollen, der geht damit auch so einige Verpflichtungen ein. Nicht nur die (leider viel zu oft nicht einmal unter den grünen Teppich der Stadt gekehrte) Verpfl

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