#Aufschrei bei Jauch: Das kann doch wohl nicht wahr sein!

Was mich an vielen „von außen“ kommenden Beiträgen zur #Aufschrei-Debatte wirklich nervt, ist die Unterstellung, dass die gesammelten #Aufschreie von Opfern kämen, dass diese doch selbst „schuld“ seien daran, wie sie bestimmte Situationen empfinden, und dass sie halt ihr Verhalten ändern müssten als einzige Strategie. Dies formulierte u.a. auch Wibke Bruhns bei der gestrigen Jauch-Sendung „Herrenwitz mit Folgen – hat Deutschland ein Sexismus-Problem?“ so. „Die Männer“ würden sich eh nicht ändern. Das kann doch wohl nicht wahr sein!

Mich ärgern solche Verdrehungen, ich halte sie für falsch, für platt und für gesellschaftsschädlich. Aber nacheinander. Schauen wir doch mal:Debattengegenstand: Offengelegte Alltagssexismen und Übergriffe gegen Frauen
Etwa 60.0000 Mikroberichte sind bis gestern Abend unter dem Hashtag #Aufschrei auf Twitter zusammengekommen, dazu viele Blogbeiträge, Zeitungsartikel etc. Ich habe mich selbst mit einigen Beiträgen an der #Aufschrei-Sammlung beteiligt (hier, hier und hier). Ich hätte leichterdings auch noch einige #Aufschreie mehr twittern können, zum Beispiel den vom Lehrer, der mir bei einem Schulbadeausflug zum See vor allen die Frage stellte, wann ich denn gedenke, mir das nächste Mal die Beine zu rasieren; von halbtrunkenen Herren, die mir während meiner Gymnasiums-Kellnerinnen-Zeit an den Hintern fassten, oder von den Typen, die mich nachts an der Tankstelle zu viert baggernd umringten und Körperkontakt suchten.
So ziemlich jede meiner Freundinnen und weiblichen Bekannten hätte ebenfalls aus einem persönlichen Fundus Anekdotisches beitragen können – von einem nächtlich in einer Nebenstraße unverhofft busengrapschenden Vorbeigänger, vom Polizisten, die den Versuch einer Anzeige angesichts eines solchen Ereignisses tatsächlich mit Rocklängefragen beantwortete, von der Erfahrung, mit vierzehn in der S-Bahn mit einem pimmelzeigenden Sitznachbar konfrontiert zu sein, von sehr sexuellen Anmachen und Nachrufen à la „Hab dich doch nicht so!“, „Blöde Schlampe!“, oder „Fette Bitch!“

Was zeigen diese Mikroberichte? Und was nicht?
Viele kleine Berichte für ein großes Ganzes sind zusammengekommen. Was zeigen diese Berichte? Sie zeigen, dass es offenbar bestimmte Strukturen gibt, die noch immer bestehen, aller Gleichberechtigung und Aufklärung zum Trotz. Sie zeigen keinesfalls, dass „alle Männer“ so sind – das behaupten aber die vielen #Aufschreienden auch gar nicht. Die Berichte zeigen auch keinesfalls, dass sich diese #Aufschreienden in eine #Opferrolle begeben hätten, dies „aus Spaß an der Freude“ tun oder wollen würden: Die weiblichen Antworten/Reaktionen auf die vielen in den #Aufschreien beschriebenen Situationen sind doch gar nicht Gegenstand der Umfrage gewesen. Wibke Bruhns zum Beispiel stellte dies gestern Abend anders dar und verkannte damit meinem Empfinden nach völlig die Ausrichtung der Aktion.

Die 60.000 „armen Opfer“

Viele von uns sind fähig, willens und kraftvoll genug, den unzähligen kleinen Übergriffen mit Charme, Witz, Wortgewalt oder auch mit juristischen Konsequenzen entgegenzutreten. Viele von uns haben das immer wieder getan. Bei allen von mir oben genannten Beispielen kenne ich auch die Antworten, die die betroffenen Frauen gegeben haben, die schlagfertigen Repliken, die lauten Proteste. Dennoch, was bleibt, ist die Tatsache, dass wir alle in irgendeiner Weise antworten mussten, um die Situation irgendwie im Griff zu behalten. Obwohl wir diese Art der „Gespräche“ gar nicht gesucht haben. Das ist nicht nur anstrengend, sondern ein echt krasser Erfahrungsprozess, und wir (also die von mir zitierten Beispiele) haben das wohl zum Glück ganz gut und selbstbewusst meistern können. Aber es kann doch wohl erstens nicht wahr und schlicht hinzunehmen sein, dass solche Erfahrungen nach wie vor in unserer Gesellschaft „normal sind“, Frau da „eben durch muss“. Und es ist umso schändlicher, dass dann noch diejenigen, welche von solchen Erfahrungen eben doch traumatisiert werden oder sich nicht „adäquat zur Wehr gesetzt haben“als „arme Opfer, die selbst schuld sind“, bezeichnet werden. Pfui Teufel!

„Die“ unveränderbaren „Männer“
Eine Debatte wie die über Alltagssexismen bringe doch nichts, denn Männer und Frauen seien nun mal so. Punkt, weitermachen. Oder, um es tierisch à la Frau Bruhns zu beschreiben: Bullen sind Bullen, und Kühe sind Kühe, und einen Bullen kann man höchstens zum Ochsen machen (oder so ähnlich). Hallo?!

Als Mitglieder einer aufgeklärten Gesellschaft sind wir doch wohl alle in der Lage, unser Verhalten zu reflektieren und das der anderen kritisch in Augenschein zu nehmen. Um es mit einem krassen Beispiel zu sagen: Sonst sind und bleiben wir nach wie vor an dem völlig verdrehten Punkt, dass die Frau mit dem kurzen Rock ja wohl irgendwie selbst die Schuld trägt, dass der sabbernde Typ auf der Straße sich von ihr zu einer Vergewaltigung provoziert fühlte. Das kann ja wohl nicht wahr sein!

Tote Pferde reiten

Oder, um bei der gestrigen Sendung und den dort gegebenen Beispielen zu bleiben: Wenn ein Veterinärmedizin-Professor ausgerechnet „die hübsche Studentin“ vor vielen Anwesenden den Pferdepenis des toten Pferdes freilegen lässt, um sie offenkundig bloßzustellen, dann bleibt den anwesenden Mitstudierenden durchaus Handlungsspielraum, um ihre Missbilligung dieser professoralen Fehlleistung zu zeigen. Durch konkrete Ansprache des Profs in der Situation, wenn es so offensichtlich ist; durch Verlassen des Raumes; wenigstens und mindestens aber durch Sachlichkeit und Nicht-Lachen, Unterstützung und aufbauende Worte zur Studentin danach. Niemand zwingt sie, sich mit dem Professor zu solidarisieren und vielleicht noch einen Spruch übers Pferdereiten nachzuschieben, zu johlen oder zu grölen.

Macht und Solidarität
Theoretischer gesprochen: Die Frage ist und bleibt in einer solchen Situationen ganz klar, mit wem man sich aus welchen Gründen zu solidarisieren bereit ist: Mit der Person, die die Macht (bereits) hat, und die einem vielleicht mal zur eigenen Macht nützt, oder mit der Person, die sie jedenfalls gerade nicht hat, und die einem vielleicht auch selbst nichts nützt. Wenn wir – auf der Seite der vielleicht noch nicht Mächtigen – uns gegen Personen in Machtpositionen, die ihre Macht aber missbrauchen, solidarisieren, können wir sehrwohl auch Verhältnisse ändern – und das nützt uns am Ende allen, weil es eben bestehende und akzeptierte Machtverhältnisse, gesellschaftliche Standards, offenlegen und am Ende sogar kippen kann!

Wir sind für uns selbst verantwortlich!
Natürlich können wir alle, jede/r für sich, unser eigenes Verhalten jederzeit im Blick haben.
Wir müssen andere nicht mit körperbezogenen Sprüchen belegen. Wir können uns ganz einfach dagegen entscheiden.
Wir müssen in einer Gruppenkonstellation nicht über eine außenstehende Person herziehen, und wir können sogar ganz konkret sagen, dass wir Entsprechendes nicht gut finden, wenn es in unserem Umfeld passiert.
Wir müssen keine Witze über andere Gruppen (ob nun Frauen, Menschen anderer Nationalitäten,..) erzählen, wir können das auch einfach mal sein lassen.
Wir können alle SELBST entscheiden, wie wir uns verhalten.
Ebenfalls können wir entscheiden, welches Verhalten der Menschen in unserem Umfeld wir tolerieren, und bei welchem wir Stop sagen.
Wir können uns entscheiden, uns einzumischen, wenn jemand sich übergriffig verhält.

Menschenfreundlichkeit als Maßstab
Auf diese Weise verändern wir andere Menschen nicht. Menschen können immer nur sich selbst verändern. Aber wenn viele von uns den Mut haben, sich menschenfreundlich zu verhalten, übernehmen diese Maßstäbe vermutlich auch andere. Es ist dann möglicherweise nicht mehr „kommun“, sich in bestimmter Art und Weise ausgrenzend oder machtbetonend zu zeigen. Und es ist daher dann vielleicht auch üblicher, in problematischen Situationen der betroffenen Person unterstützend (statt ignorierend oder gar mit ausgrenzend) zur Seite zu stehen.

Unsere Verantwortung verändert alles!
Unsere Gesellschaft sind WIR. WIR können diese also gestalten. Und damit auch – genau: Verändern. Das betrifft viele Themen, nicht nur die Frage nach Alltagssexismen, sondern eigentlich – alles. Es dauert seine Zeit, und ein kleiner oder großer #Aufschrei ist sicher nur ein kleines Teilchen in einem langen Prozess. Aber der Prozess ist da. Und wir können ihn tatsächlich mitgestalten.

Unfassbare Erkenntnis, oder?

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